#98 – Susanne Selbert: 100 Jahre Frauenwahlrecht

Frauen in der Wirtschaft

Als die SPD-Abgeordnete Marie Juchacz am 19. Februar 1919 in der Weimarer Nationalversammlung eine Rede hält, ist sie die erste Frau in Deutschland, die vor einem demokratisch gewählten Parlament spricht. Die Vorstellung, dass Frauen am politischen Prozess teilnehmen, erscheint vielen der männlichen Abgeordneten noch völlig absurd.

Ein weiterer Meilenstein nach der Einführung des Frauenwahlrechts wurde ziemlich genau 30 Jahre später durch Elisabeth Selbert erreicht. Am 18. Januar 1949 nahm der Hauptausschuss des Parlamentarischen Rates ihre Formulierung, „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“, in Art.3, Abs.2 des Grundgesetzes auf.

Blicken wir auf diese Zeiten zurück, so müssen wir konstatieren, dass die Rechtsvorschriften uns Frauen mittlerweile die volle Gleichberechtigung gewährleisten, auch wenn dies noch viele Jahrzehnte nach Implementierung der Gleichberechtigung im Grundgesetz dauern sollte. Ungeachtet unabweisbarer Fortschritte besteht aber immer noch eine eklatante Ungleichheit bei den wirtschaftlichen Chancen, bei der Verteilung der Lasten innerhalb der Familie und bei der politischen Teilhabe.

Widerspruch auf dem Arbeitsmarkt

Am deutlichsten zeigt sich dieser Widerspruch in der nach wie vor herrschenden Positions- und Entgeltungsgeichheit auf dem Arbeitsmarkt. Frauen und Männer im Alter von 30 bis 50 Jahren haben heute in Deutschland etwa gleiche Schulabschlüsse, Frauen sogar etwas häufiger die Hochschulreife. Insgesamt haben 82 % der 30- bis 50-jährigen Frauen eine gute berufliche Qualifikation und sind Fachfrauen.

Doch wie sieht die Einkommenssituation konkret aus: 42 % der Männer im Alter zwischen 30 und 50 verfügen über ein Netto-Einkommen von über 2000,-€ monatlich. Bei den Frauen in dieser Altersspanne sind es nur 10%, die über ein Nettoeinkommen von mehr als 2000,-€ monatlich verfügen, bei verheirateten Frauen sind es sogar nur 6%. Im EU-Durchschnitt liegt die geschlechtsspezifische Lohnlücke noch immer bei 16,3 Prozent, in Deutschland sogar bei 22 Prozent. Das ist Platz 26 von 28 EU-Ländern.

Frauen in prekären Beschäftigungsverhältnissen

Diese schlechte und seit Jahren stagnierende Bilanz ist darauf zurückzuführen, dass Frauen häufiger in prekären Beschäftigungsverhältnissen, in schlechter bezahlten Branchen tätig sind, weniger befördert werden, häufiger ihre berufliche Laufbahn wegen Kindererziehungszeiten oder Pflege naher Angehöriger ganz unterbrechen oder lediglich Mini-Jobs oder Teilzeitstellen annehmen. Es gilt also weiter für uns Frauen, an den politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu arbeiten und zwar gemeinsam. Die Einzelne ist hier machtlos.

Als die Abgeordnete Marie Juchacz am 19. Februar 1919 vor dem Parlament steht, führt sie zum Frauenwahlrecht aus: „Ich möchte hier feststellen, und glaube damit im Einverständnis vieler zu sprechen, dass wir deutschen Frauen dieser Regierung nicht etwa in dem althergebrachten Sinne Dank schuldig sind. Was die Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeit: sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist.“ Und genau dies gilt auch noch heute für die Gleichberechtigung – sie ist eine Selbstverständlichkeit und sie gibt uns Frauen nur das, was uns bislang zu Unrecht vorenthalten wird.

Über Susanne Selbert

Ausbildung und Beruf

Erste Kreisbeigeordnete Susanne Selbert. Foto: Heiko Meyer

Nach Erlangen der allgemeinen Hochschulreife 1979 in Kassel, studierte sie von 1979-1984 Rechtswissenschaften an der Georg-August-Universität in Göttingen. Das Referendariat mit dem Zweiten Staatsexamen schloss sie im Jahre 1987 beim Landgericht Kassel ab.

Von 1988-1990 arbeitete Susanne Selbert in Hamburg und Kassel als Rechtsanwältin. Nach einer kurzen beruflichen Station als Dezernentin im Bereich Umwelt beim Regierungspräsidium Kassel wechselte sie 1992 als Amts- und Fachbereichsleiterin zum Land-kreis Kassel und wurde im Jahr 2009 zur stellvertretenden Landrätin gewählt. Seit dem 01.05.2018 ist sie die Landesdirektorin des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen.

Ehrenamtliches Engagement und Sonstiges

  • Mitglied der internationalen Kinderhilfsorganisation Kinderhilfswerk Plan International
  • Vorsitzende des Kultursommers Nordhessen e.V.

 

(Quelle Coverbild: rawpixel on Unsplash)

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