#92 – Quotenfrau oder einfach nur sie selbst: Oberlandeskirchenrätin Dr. Gudrun Neebe berichtet

Dr. Gudrun Neebe, 1961 geboren, seit über 30 Jahren verheiratet und Mutter eines 23-jährigen Sohnes, leitet seit 2015 das Dezernat Bildung als Oberlandeskirchenrätin. Der Weg dahin war als Frau steinig und von vielen Bedenken geprägt. Doch Gudrun Neebe biss die Zähne zusammen und machte manches anders als die Männer um sie herum. Mit Erfolg!

Seit Ende 2015 leite ich als Oberlandeskirchenrätin das Dezernat Bildung. Als ich 1978 mit dem Realschulabschluss die 10. Klasse einer integrierten Gesamtschule abschloss, habe ich nicht im Traum daran gedacht. Ich komme aus einfachen Verhältnissen. Mein Vater war Maurerpolier, Mutter und Großvater in der Landwirtschaft im Nebenerwerb tätig. Meine Klassenlehrerin riet mir damals, in die Oberstufe des Gymnasiums weiterzugehen, das mit der Gesamtschule kooperierte. Während meine Mutter stolz auf mich war, denn sie hätte gern selbst einen höheren Schulabschluss gemacht, hielt mein Vater das für unnötig. Ich sollte eine Ausbildung machen, Geld nach Hause bringen und ihm nicht weiter auf der Tasche liegen. Ich würde ja ohnehin absehbar heiraten. Trotzdem – etwas widerspenstig war ich schon immer – ging ich weiter auf das Gymnasium und machte mit den Leistungskursen Englisch und Mathe Abitur. Außerdem hatte ich das große Latinum gut geschafft.

Vom Abitur über das Studium zur Promotion

Ich solle doch etwas Vernünftiges studieren und nicht nur Erziehungswissenschaften, meinte mein Tutor damals, der zugleich mein Mathe-Lehrer gewesen war. Theologie hielt er für vernünftig und die weiteren alten Sprachen traute er mir zu. Also studierte ich Theologie und Erziehungswissenschaften gleichzeitig und das ging sogar ganz gut. So gut, dass mir mein späterer Doktorvater anbot zu promovieren. Das fand mein Vater erst recht wunderlich. Auch wenn ich durch meine Nebenjobs in einer Bäckerei und beim Zeitungsaustragen ihn finanziell nicht allzu sehr belastete und mein Freund und später mein Mann arbeitete ja auch als Hilfsarbeiter auf dem Bau sooft er konnte, sollten wir doch nun endlich finanziell unabhängig werden. Als ich ein Stipendium bekam, war er es dann zufrieden. „Wer zu hoch hinaus will, fällt tief runter“ und „Vergiss nie, aus welchem Napf du gegessen hast“, waren seine Begleitsprüche. Großvater und Mutter dagegen waren stolz auf mich als ich das erste Examen geschafft hatte und bei der Ordination weinten sie vor Rührung – und nicht nur sie.

Frauen ebnen Zukunft
Bildquelle: Pixabay

Zwischen Beruf und Familie

Erste Krisen kamen, als die Kinder zur Welt kamen. Unser Sohn war ein extremes Frühchen, ich war Mutter und verbrachte viele Stunden am Inkubator, am Wärmebettchen, bei Krankengymnastik und der Ergotherapie. Als ich dann wieder berufstätig werden wollte, hielten mich viele für eine Rabenmutter. Ich sollte doch froh sein, dass es mit meinem Sohn geklappt hatte. Elisabeth H und ich waren die Ersten in unserer Landeskirche, die sich nach hartem Kampf (!) als Nicht-Ehepaar eine Pfarrstelle teilen durften. Wie waren wir froh darüber damals.

Den Weg für andere Frauen ebnen

Ob ich das denn auch könnte, fragte mich der Brautvater als ich in den 90er Jahren eine Trauung übernahm. Ich war im Rahmen meines Predigtauftrages die erste Pfarrerin an diesem Ort. Vor Kurzem habe ich mit ihm und seiner Frau zusammen Diamantene Hochzeit gefeiert und in diesem Zusammenhang erinnerte er mich an diese Episode. Es war ihm etwas peinlich. Als die evangelische Kindertagesstätte in meiner Predigtauftragsgemeinde erweitert werden sollte, waren die vielen älteren Herren im Kirchenvorstand der Ansicht, dass das nicht nötig sei. Die jungen Mütter sollten doch zuhause bei ihren Kindern bleiben – wenigstens bis diese vier Jahre alt seien.

Mein persönliches Fazit

Ich könnte noch viele solcher Geschichten erzählen. Immer wieder waren es Menschen, die mir etwas zutrauten, die mich ermunterten etwas anzugehen. Das gab mir Kraft und Mut, Entscheidungen zu treffen, Wege zu wagen, auf die ich allein nicht gekommen wäre. Wenn es schwer wurde, „biss ich die Zähne zusammen“, ich wollte doch diese Menschen nicht enttäuschen. Ich habe mich dabei eher als „sozialer Aufsteigerin“ gesehen und nicht als „Kämpferin für die Rechte der Frauen“.  Heute denke ich mit einem gewissen Abstand, dass ich eine Mischung aus beidem bin. Als Frau und als soziale Aufsteigerin mache ich manches gern und bewusst anders. Anders, als mache das erwarten, wohl auch anders als manche Männer.

Und doch möchte ich nicht die Quotenfrau sein, die genommen, zugelassen, gewählt wird, weil sie Frau ist, sondern weil ich kompetent und geeignet bin oder weil ich auf diesem Platz gebraucht werde. Und sollte es nötig sein, dann beiße ich die Zähne zusammen, das habe ich oft geübt, darum kann ich es.

Gudrun Neebe

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.