#87 – Pfarrerin Kerstin Vogt: Degendering – das neue Zauberwort 

In diesem August jährt sich zum hundertsten Mal das Wahl- und Stimmrecht für Frauen in Deutschland. Ein großer, langjährig eingeforderter Schritt auf dem Weg zur Gleichberechtigung von Frauen und Männern. 100 Jahre, das klingt wie eine Ewigkeit. Und doch sind so viele Etappen auf diesem Weg noch gar nicht lange her.

Als ich 1990 Abitur machte, wurde mein Leistungskurs Religion von einer Theologin geleitet, die aufgrund ihrer Eheschließung keine Pfarrerin werden konnte. Bis in die achtziger Jahre gab es dieses Zölibat für Frauen in vielen Landeskirchen Deutschlands. Eine Frau musste sich entscheiden zwischen Pfarramt und Familie. Einem Mann wurde diese Verbindung eher nahegelegt. Welche Rollenbilder wurden lange nach der rechtlichen Gleichstellung noch gepflegt und weitergeben, ohne dass es den Menschen als grob ungerecht erschienen ist? Der Schweizer Film „Die göttliche Ordnung“ von 2017 zeigt das sehr schön. Es dauert lange bis erkannte Wahrheit auch gelebte Wirklichkeit wird.

Und ist das heute 2018 so anders? Der Soziologe Kai-Olaf Maiwald sieht gerade bei der jüngeren Generation, dass Geschlechterunterschiede gar nicht mehr als Ursache einer Ungerechtigkeit wahrgenommen werden. Wenn Frauen bei gleicher Ausbildung immer noch weniger verdienen, bei einem Kind ihrem Beruf hinten anstellen oder später in Teilzeit arbeiten, dann wird dies nur noch als persönliche Entscheidung betrachtet. Das Private ist politisch, ein Wahlspruch der 68iger, gilt nicht mehr.

Degendering – das neue Zauberwort

Andreas Reckwitz beschreibt dieses Phänomen in seinem Buch „Die Gesellschaft der Singularitäten“ sehr schön. Die Geschlechterdifferenzen lösen sich nicht auf in der Spätmoderne, bekommen aber einen anderen Stellenwert. Vieles spricht dafür, dass gerade in der neuen Mittelklasse ein breites kulturelles Repertoire von Geschlechtermodellen des Weiblichen und des Männlichen zur Verfügung steht, aus dem man nun jeweils sein eigenes Geschlechtsprofil komponiert. Der und die Einzelne sucht sich aus einem breiten Pool an Gender-Accessoires die passenden Bausteine aus und verwebt sie zu einer einzigartigen Geschlechterrolle. Das kann die toughe oder auch empathische Frau sein, die mit dem neuem Mann oder dem maskulinen Typ sich alle Bereiche des Lebens individuell aufteilt.

Türen stehen Frauen offen – aber alles hat seinen Preis

Das klingt sehr verlockend, da gerade Frauen nun viele Türen offen stehen. Es gibt kaum Berufsmöglichkeiten, die unerreichbar wären. In der Hochschule, politischen Ämtern, kirchlichen Funktionen und selbst in der Wirtschaft finden sich gute Beispiele von erfolgreichen Frauen. Doch alles hat seinen Preis. Wenn ich selbst für mein Leben in allen Facetten verantwortlich bin, dann gilt es jeweils den bestmöglichen Kompromiss zu erzielen. Das Privatleben wird zum Parlament, in dem über das Zeitbudget für die Kinderbetreuung, den Haushalt und die Erwerbstätigkeit gerungen werden muss. Das ist bisweilen anstrengend. Natürlich betrifft es auch längst nicht alle Frauen, denn zur soziologischen Gruppe der „neuen Mittelklasse“ gehören meist die gut ausgebildeten Akademikerinnen. Die Gesellschaft erschöpft sich aber nicht in diesem Segment.

Vernetzung über Lebensphasen und Lebensmodelle hinweg

Umso mehr bedarf es der Möglichkeiten sich zu vernetzen über die unterschiedlichen Lebensphasen und Lebensmodelle hinweg. Wir brauchen den Austausch, um aus der Falle „das geht nur mir so“ herauszukommen. Denn auch wenn die Genderrollen jeweils individuell komponiert sind, so wiederholen sich doch die Muster. Wie gut, wenn andere das auch so sehen. Der Blick auf das Ganze der Gesellschaft darf uns auch heute nicht verloren gehen. Es gut auf 100 Jahren Wahl- und Stimmrecht für Frauen zurückzublicken, um für die Zukunft einen geschärften Blick zu haben. Denn der Weg zu gelebter Gleichberechtigung in allen Bereichen ist noch weit.


Über die Autorin

Kerstin Vogt ist 1971 in Wiesbaden geboren und hat das Studium der Evangelischen Theologie in Göttingen, München und Mainz absolviert. Mitarbeit am Institut für Religions- und Missionswissenschaft (Lehrstuhl Prof. Dr. Michael von Brück) der Ludwig-Maximilians-Universität München. Neben einem Vikariat in Wiesbaden hat Kerstin Vogt ein Spezialvikariat in der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit der Landesbank Rheinland-Pfalz in Mainz verbunden mit der Fortbildung „Methodische Öffentlichkeitsarbeit“ beim Deutschen Institut für Public Relations (DIPR) durchlaufen. Acht Jahre war sie als Gemeindepfarrerin in der Schwalm tätig – und das verbunden mit dem Zusatzauftrag Frauenarbeit. Vier Jahre verbrachte sie im Auslandspfarramt in Verona-Gardone in Italien. Seit Oktober 2012 ist Kerstin Vogt Studienleiterin für das Ressort Kultur, Spiritualität, Interkonfessioneller Dialog und Gender an der Evangelischen Akademie Hofgeismar sowie Mitglied der Jury der Evangelischen Filmarbeit in Frankfurt am Main.

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