#73 – Oberkirchenrätin Dr. Ruth Gütter: Frauen im Gespräch: Frauen auf dem Weg zur gelebten Demokratie

Dr. Ruth Gütter

(Foto: privat)

In meinem beruflichen Werdegang waren es oft Frauen, die mich unterstützt und gefördert haben oder mit denen ich mich erfolgreich vernetzt habe.

Ich stamme aus einem kleinbürgerlichen christlich-pietistischen Elternhaus, in dem vor allem durch meinen Vater strenge moralische Regeln und klare Rollenbilder vorgegeben waren. Sicher hat es meinem Vater einiges abverlangt, dass ausgerechnet das einzige Mädchen unter drei Brüdern als erste in der Familie auf das Gymnasium ging. Und wer hat das durchgesetzt? Ausgerechnet meine sonst sehr folgsame Mutter, die es immer bedauerte, dass sie in den Kriegsjahren keinen Schulabschluss machen konnte und die sich nun für ihre einzige Tochter erfolgreich mit meiner Grundschullehrerin verbündete. Die Warnung meines Vaters nach dem Schulwechsel lautete dann auch unmissverständlich: „Wenn das mal gut geht! Jetzt musst du allein zurecht kommen. Von mir bekommst du keine Hilfe“. Und dann entscheidet sich diese Tochter auch noch, Theologie zu studieren, obwohl es dazu einen klaren ablehnenden biblischen Befund gibt!

Wichtiges Netzwerk von Freundinnen und Beraterinnen

Später waren es vor allem Freundinnen und Beraterinnen, die mich in meinem weiteren persönlichen und beruflichen Werdegang begleiteten und ermutigten. Obwohl inzwischen längst erwachsen, war da immer ein inneres Zögern, ob ich den Anforderungen auch gewachsen bin, immer die warnende Stimme meines Vaters, ob das gut gehen kann. Inzwischen weiß ich, dass ich damit nicht die einzige bin, sondern viele Frauen gegen solche bremsenden inneren Stimmen angehen müssen. Wie gut, wenn es da andere Stimmen gibt, die dagegenhalten, die Stimmen guter Freundinnen oder professioneller Berater und Beraterinnen.

Förderung von Frauenprojekten – ein wichtiger persönlicher Meilenstein

Aufgrund dieser ganz persönlichen biographischen Erfahrungen waren mir in meinen beruflichen Aufgaben im Gemeindepfarramt, in der Bildungsarbeit, in der Entwicklungsarbeit und in der Ökumene Projekte der Förderung von Frauen immer sehr wichtig. Dabei hat es mich oft sehr bewegt und ermutigt, zu sehen, wie gerade Frauen, die es schwer haben, sich gegenseitig stärken und ermutigen können, mit neuer Kraft und neuem Selbstbewusstsein ihren Weg zu gehen. Das habe ich in einer Gruppe alleinerziehender Mütter in der Gemeinde ebenso erlebt wie bei einer internationalen Frauenkonsultation zum Thema Gewalt gegen Frauen.

Und wenn ich an erfolgreiche Kampagnen im entwicklungspolitischen Bereich denke wie z.B. die Kampagne für saubere Kleidung oder zum Menschenrecht auf Wasser, dann stehen mir vor allem Frauen vor Augen, die mutig und kämpferisch öffentlich das Wort ergreifen. Eine davon, die mich besonders in ihrer Beharrlichkeit und ihrer Klugheit beeindruckt ist Vandana Shiva, eine indische Umwelt -und Menschenrechtsaktivistin, die ich auf vielen Kirchentagen und internationalen Konferenzen erlebt habe.

Frauen müssen ihre Stimme ernst nehmen und sie einsetzen!

Das gilt nicht nur für das Wahlrecht, das es in Deutschland inzwischen seit 100 Jahren gibt. Das gilt auch für ihre innere und ihre nach außen gerichtete Stimme, der sie vertrauen können und die ihr gegeben wurde, damit sie sie für ihre Rechte und für ein lebenswertes Leben für alle einsetzen.


Über die Autorin

Dr. Ruth Gütter ist Oberkirchenrätin und Referentin für Nachhaltigkeit der EKD.

Stationen ihres Lebenslaufes:

  • 1986-1996 Gemeindepfarramt in der EKKW
  • 1996-2006 Beauftragte für kirchlichen Entwicklungsdienst der EKKW
  • 2007-2012 Referentin für Afrika und Entwicklungspolitik der EKD
  • 2013-2017 Dezernentin für Diakonie und Ökumene der EKKW
  • Seit 2017 Referentin für Nachhaltigkeit der EKD

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