#68 – Juliane Brumberg: Nicht die Hälfte vom Kuchen, sondern einen anderen Kuchen

Juliane Brumberg

Feminismus für ein gutes Leben für alle. Persönliche Gedanken zu 100 Jahre Frauenwahlrecht.

Im November 1972 wurde das aktive Wahlrecht von 21 auf 18 Jahre gesenkt. Das betraf mich, denn ich war damals 19 Jahre alt. Keine Minute habe ich darüber nachgedacht, dass ich als Mädchen bzw. Frau davon ausgeschlossen sein könnte. Selbstverständlich konnten Frauen wählen, selbstverständlich waren Frauen gleichberechtigt, das war meine Erfahrung, sowohl in der Schule als auch später an der Universität. Deswegen interessierte mich auch die Frauenbewegung in den siebziger Jahren überhaupt nicht. Zu der Zeit hatte ich das Gefühl, in jeder Hinsicht die gleichen Möglichkeiten wie meine männlichen Altersgenossen zu haben.

Mein Interesse am Feminismus erwachte erst nach der Geburt meines vierten Kindes als ich als Familienfrau realisierte, dass sich meine Alltagserfahrungen und meine Einstellungen zum Leben deutlich von denen der Männer zu unterscheiden begannen – und dass dies nicht an meinem Ehemann, sondern an den gesellschaftlichen Strukturen lag. Ich bemerkte, dass die „gleichen Rechte zu haben“ nicht bedeutete „gleichberechtigt zu sein“.

Gott weiblich zu denken verändert die Welt

Mein Zugang zum Feminismus war zunächst nicht die politische Schiene sondern Frauengeschichte und als religiös interessierte Frau die Feministische Theologie. Mir fiel es wie Schuppen von den Augen, als ich „Gott hat nicht nur starke Söhne“ von Catharina Halkes las und die Schlangenbrut wurde für viele Jahre meine wichtigste, Inspirationsquelle. Mitte der neunziger Jahre folgten dann von Christa Mulack „Und wieder fühle ich mich schuldig“ und „Die Wurzeln weiblicher Macht“. Matriarchatsforschung fand ich spannend. Ich begriff: Gott weiblich zu denken verändert die Welt. Die Bilder aus Vor- und Frühgeschichte, die mir bislang vermittelt worden waren, transportierten patriarchale Phantasien in die Vergangenheit. Und dass, was in Schule und Studium an Geschichte gelehrt wurde (und immer noch wird), war eine fast ausschließlich von Männern geschriebene Geschichte mit von Männern gesetzten Prioritäten und überwiegend männlichen Akteuren.

 

Feministische Lektüre.

 

Und ich begriff auch: Ziel kann nicht sein, dass Frauen dasselbe machen dürfen, wie Männer, Ziel ist eine andere, bessere Welt zum Wohl von Kindern, Frauen und Männern. Dementsprechend heißt Feminismus für mich auch nicht „Die Hälfte vom Kuchen für Frauen“ sondern „ein anderer Kuchen“ für alle.

Insofern sind das Frauenwahlrecht oder neuerdings die von Bayern ausgehende Initiative „Parité in den Parlamenten“ (in der eine geschlechterparitätische Besetzung der Wahllisten gefordert wird) zwar wichtige, aber dennoch nur Teilschritte im Hinblick zu einer Gesellschaft, die „ein gutes Leben für alle“ zum Ziel hat und Frauen die Freiheit gibt, so zu leben, wie sie wirklich wollen.

Feministische Inhalte und Visionen haben mehr als die politische Ebene

Damit Feministische Inhalte und Visionen wahr werden, ist es wichtig, sich nicht auf die politische Ebene zu beschränken, sondern sie auch in Kunst und Kultur, in Forschung und Religion zu transportieren. In den achtziger und neunziger Jahren boten die Kirchen vielerorts ein Dach für Frauen, die in der Gesellschaft etwas verändern wollten, als Beispiel sei nur die Werkstatt Feministische Theologie in Bad Boll genannt. Heute glaubt MANN (und leider auch oft FRAU), mit um die 40 Prozent Pfarrerinnen in den Landeskirchen und etlichen Dekaninnen in kirchlichen Führungspositionen, sei Gleichberechtigung erreicht. Das ist natürlich genau so wenig der Fall, wie beim Frauenstimmrecht. Welch ein Jammer, dass die inhaltlichen Schätze, die von Frauen in den Kirchen erarbeitet wurden, wie zum Beispiel die „Bibel in gerechter Sprache“ nicht besser gehegt und gepflegt, sondern aktiv vergessen werden.


Über die Autorin

Juliane Brumberg ist freiberufliche Journalistin und Historikerin. Von 2001 bis zu deren von der Kirchenleitung verordneten Ende im Jahr 2016 war sie Redakteurin der Frauenzeitschrift der Evangelischen Kirche in Bayern „efi“. Sie ist Mitglied der Redaktion des Internetforums beziehungsweise-weiterdenken und organisiert in ihrer Heimatstadt Ansbach feministisch orientierte Frauenveranstaltungen im Rahmen des Deutschen Frauenrings.

Foto: Bayerischer Landesfrauenrat

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