#88 – Lena Arnoldt, Mitglied des Hessischen Landtags: „Frauen auf dem Weg zur gelebten Demokratie“

Lena Arnoldt, hessischer Landtag

100 Jahre Frauenwahlrecht – Frauen auf dem Weg zur gelebten Demokratie. Dieses Thema kann man aus verschiedenen Perspektiven betrachten. Eine Betrachtung von Lena Arnoldt, Mitglied im Hessischen Landtag.

Männer und Frauen sind gleichberechtigt – das war nicht immer so

Die zunächst offensichtliche Perspektive bezieht sich auf die Rolle der Frauen in der Gesellschaft allgemein. Als junge Frau unterliege ich hier einem Phänomen, was in der Soziologie als „shifting baselines“ bezeichnet wird: Ich habe viele Dinge als Selbstverständlichkeit kennengelernt, die vor meiner Generation noch gar nicht so selbstverständlich waren: Auto fahren, Geld verdienen, ein eigenes Konto – und das alles ohne die Erlaubnis eines Ehemanns. Vor 60 Jahren noch undenkbar. Der Satz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ ist für meine Generation also schon sehr viel mehr Alltag, als bei unseren Müttern oder Großmüttern.

Aktives und passives Wahlrecht

Betrachten wir das Thema Frauenwahlrecht konkreter, rückt die Perspektive der Partizipation von Frauen an der Politik in den Vordergrund. Beim aktiven Wahlrecht zeigen die Statistiken heute kaum Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Für die Wahl zum Bundestag im vergangenen Jahr beispielsweise haben 76,0 Prozent der wahlberechtigten Frauen und 76,3 Prozent der Männer ihre Stimme abgegeben.

Das passive Wahlrecht zeigt ein anderes Bild: In den Parteien und Parlamenten in Deutschland sind die Frauen ausnahmslos in der Minderheit. Woran liegt es, dass nur wenige Frauen aktiv an der Politik partizipieren? Reden wir über den Anteil der Frauen in den Parlamenten wird oft vergessen, dass Parteien hierarchische Organisationen sind. Nur wenige Personen steigen weit oben als Quereinsteiger ein. Die meisten Abgeordneten haben sich vielmehr jahrelang ehrenamtlich an der Parteibasis und in Jugendorganisationen engagiert, bevor eine Nominierung für eine hauptamtliche Tätigkeit erfolgte. Der Frauenanteil an der Basis und in den Kommunalparlamenten ist hier also wichtig.

Politisches Engagement – man braucht Türöffner

Beim Engagement an der Parteibasis ist meiner Erfahrung nach ein wichtiger Faktor für den Männerüberschuss, dass nur wenige Menschen überhaupt von sich aus entscheiden, politisch aktiv zu werden, was wiederum mit der Bekanntheit der internen Abläufe zu tun hat. Während bei der Feuerwehr oder beim Sportverein relativ offensichtlich ist, wie die Menschen ihre Freizeit verbringen und man bereits von außen abschätzen kann, ob ein persönliches Interesse besteht, sind Parteien und politische Prozesse in den Kommunen vor Ort den Menschen weitestgehend unbekannt. Die meisten benötigen einen „Türöffner“, der sie anspricht, einlädt und ihnen die Welt der Partei zeigt, damit daraus ein Engagement entstehen kann.

Frauen werben Frauen

Netzwerke können in diesem Zusammenhang helfen, diesen Erstkontakt zur Politik herzustellen und später auch dem weiteren klassischen Austausch von Erfahrungen und Informationen dienen. Schwierig ist dabei der geringe Frauenanteil. Denn: So wie ein Mann nur schwerlich an Aktivitäten von „Frauengruppen“ partizipieren wird, werden auch Frauen weniger Interesse an „Hobbys“ haben, die im Wesentlichen von Männern ausgeübt werden. Wichtig ist demnach, dass Frauen aktiv andere Frauen werben und zeigen, welche Möglichkeiten ein solches Ehrenamt bietet.


Über die Autorin

Lena Arnoldt wurde 1982 in Eschwege geboren und ist seit der Landtagswahl 2013 Landtagsabgeordnete der CDU im hessischen Landtag. Ein wichtiger Schwerpunkt ihrer politischen Arbeit: Der enge Kontakt zu den Bürgerinnen und Bürgern im Werra-Meißner-Kreis und im Landkreis Hersfeld-Rotenburg.

 

Worin sehen Sie die aktuellen Herausforderungen, wenn es um Frauen in der Politik geht? Hinterlassen Sie Ihren Standpunkt in den Kommentaren!

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