#79 – Johanna Hess: Warum wir auch heute noch Feminismus brauchen!

Johanna Hess

Das hundertjährige Jubiläum des Wahlrechts für Frauen ist für mich ein Anlass, mich daran zu erinnern, dass viele der Möglichkeiten, die ich heute als Frau für die Gestaltung meines Lebens habe, auf den Revolten und harten Kämpfen mutiger Frauen basieren. Ich empfinde Dankbarkeit bei diesem Gedanken und bin stolz darauf, mich als Feministin heute selbst in politische Kämpfe einzumischen.

Die jahrhundertelange Erfahrung feministischer Kämpfe zeigt, dass die rechtliche Ebene eine wichtige, aber nicht die einzige Ebene ist, auf der Kämpfe um die Gleichstellung von Frauen in der Gesellschaft stattfinden. Soziale und ökonomische Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern, aber auch zwischen Frauen, verschwinden nicht einfach durch die rechtliche Gleichstellung der Geschlechter.

Ein aktuelles Beispiel für die anhaltende soziale und ökonomische Ungleichheit der Geschlechter ist die ungleiche Entlohnung von Frauen und Männern auf gleichen Jobpositionen: Frauen erhalten im Durchschnitt 21 Prozent weniger Lohn. Ein anderes Beispiel ist die horizontale Segregation des Arbeitsmarktes und die Überrepräsentanz von Frauen, insbesondere Frauen mit eigenem oder familiärem Migrationshintergrund, in schlecht bezahlten, anerkennungsarmen Berufen wie der Pflege oder Kinderbetreuung.

Rechtliche, soziale und ökonomische Strukturen wirken in intime Beziehungen von Menschen hinein

Die rechtlichen, sozialen und ökonomischen Strukturen einer Gesellschaft wirken zudem in die intimen Beziehungen von Menschen hinein und beeinflussen diese hinsichtlich ihrer Arbeitsteilung, ihrer Beziehungsformen, ihrer Reproduktionsweisen und Sexualitäten. Deshalb ist auch heute noch die Frage entscheidend, welche Möglichkeiten Frauen haben, ihre intimen, sexuellen und reproduktiven Beziehungen zu leben, ohne dabei ausgebeutet, ausgegrenzt oder unterdrückt zu werden. Anhand von zwei Beispielen möchte ich zeigen, dass es immer noch wichtig ist, für die körperliche, sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung von Frauen zu kämpfen.

Abtreibungen in Deutschland

Erstens: Seit dem Jahr 2015 erhalten Frauen in Deutschland rezeptfrei die „Pille danach“. Eine Abtreibung ist in Deutschland allerdings nur straffrei, wenn Frauen diese innerhalb der ersten drei Monate einer Schwangerschaft und nach einschlägiger Beratung vornehmen lässt. Damit wird Frauen auch heute noch das Recht abgesprochen, allein über die Frage, ob sie ein Kind bekommen wollen oder nicht, zu entscheiden. Hinzu kommt, dass der gesellschaftliche Druck auf Frauen, die abtreiben, ebenso wie auf Ärzte und Ärztinnen, die über Abtreibungen informieren wollen oder diese durchführen, in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen ist. Die Folge: Immer weniger Ärzt_innen führen Abtreibungen durch. Frauen müssen in einigen Regionen Deutschlands bereits über 200 Kilometer fahren um einen Arzt zu finden – in einer an sich bereits belastenden Situation, ist dies für viele Frauen untragbar.

Sexualisierte Gewalt an Schülerinnen

Zweitens: In einer Schulklasse der Sekundarstufe II mit fünfundzwanzig Schüler_innen haben im Durchschnitt eine bis vier Schülerinnen in ihrer Kindheit oder Jugend sexualisierte Gewalt erlebt. Oder anders gesagt, etwa 12 bis 29 Prozent der Frauen werden bis zu ihrem 16. Lebensjahr Opfer von sexualisierter Gewalt. Dazu kommt ein tief in der Gesellschaft verankerter Sexismus, den nahezu alle Frauen im Laufe ihres Lebens zu spüren bekommen, am Arbeitsplatz, in der Familie, beim Fussballspielen oder schauen.

Recht der Frauen auf Lust an Sexualität einfordern

Unter diesen Bedingungen ein positives Gefühl für den eigenen Körper, die eigene Lust und die eigenen sexuellen Wünsche zu entwickeln, ist für viele Mädchen und Frauen deshalb weiterhin eine große Herausforderung. Studien aus dem US-amerikanischen Raum zeigen, dass junge Frauen zwar zunehmend in sexuelle Aktivitäten involviert sind, diese aber häufig nicht genießen. Die Möglichkeit beim Sex auch Freude und Genuss zu empfinden, erscheint (zumindest in heterosexuellen Konstellationen) nach wie vor als das Vorrecht der Männer. Das Konzept der sexual oder intimate justice zielt deshalb darauf, Frauen nicht nur das Recht auf körperliche und sexuelle Unversehrtheit, sondern auch die Lust an ihrer Sexualität zuzugestehen und sie (gegenüber sich selbst und anderen) als ihr Recht einzufordern. Es ist ein feministisches Konzept, das ich im Kampf um Gleichstellung für vielversprechend halte!


Über die Autorin

Johanna Hess hat Soziologie studiert, hat als Wissenschaftlerin und Assistentin für behinderte Menschen gearbeitet und promoviert derzeit an der Universität Kassel zum Thema (Selbst-)Sorge von pädagogischen Fachkräften bei sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche.  Sie lebt zusammen mit ihrem Partner und ihrem Kind in Berlin.

2 Kommentare

  1. Guter Artikel, der verdeutlicht, wie viel noch immer zu tun ist im Hinblick auf die Gleichstellung von Frauen.
    Kritische Frage: Mindert die Tatsache, dass Abtreibungen nur innerhalb der ersten 3 Monate und nach einer Beratung legal sind, wirklich das Selbstbestimmungsrecht der Frauen? Könnte es nicht andersherum auch sein, dass gerade eine (fachlich kompetente und entscheidungsneutrale) Beratung in einer so existentiellen und emotional aufwühlenden Situation wie dem Beginn einer Schwangerschaft das Selbstbestimmungsrecht stärken kann?

    1. Danke für den Kommentar! Wenn Frauen sich beraten lassen MÖCHTEN, weil sie sich wegen einer Schwangerschaft in einer Krise befinden oder über eine Abtreibung nachdenken, sollen sie dies natürlich tun können. Dazu ist es wichtig, dass es ausreichend Fachberatungsstellen bzw. Fachkräfte gibt, die eine fachlich kompetente Schwangerschaftskrisenberatung anbieten. In meinem Beitrag ging es aber nicht darum, die Möglichkeit zur Beratung zu kritisieren, sondern den Zwang zur Beratung. Um nach deutschen Recht nicht als Straftäterinnen behandelt zu werden, MÜSSEN Frauen sich im Fall einer Abtreibung beraten lassen – ob sie das wollen oder nicht. Das ist in meinen Augen bevormundend.

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