#76 – Gisela Notz: Kein einig Volk von Schwestern

Clara Zetkin verdeutlichte auf dem Erfurter Parteitag der SPD 1891 die Position der proletarischen Frauen für die politische Gleichberechtigung. Für sie stellte die Unterdrückung der Frauen vor allem ein Klassenproblem dar. Ihr Emanzipationskampf war Teil des Kampfes der unterdrückten Klassen gegen die Herrschenden.

Das Erfurter Programm forderte: „allgemeines, gleiches, direktes Wahl- und Stimmrecht […] aller über 20 Jahre alten Reichsangehörigen ohne Unterschied des Geschlechts“. 1895 musste Bebel ertragen, dass die Männer aller Parteien, außer der SPD, einen durch ihn vorgetragenen Antrag für die Einführung des Frauenstimmrechts unter Gelächter ablehnten.

Frauenwahlrecht – für die proletarische Frauenbewegung von Anfang an ein Thema

Für die proletarische Frauenbewegung stand das Frauenwahlrecht von Anbeginn an auf dem Programm. Die Klassenschranken bildeten die Grenzlinie zwischen bürgerlicher und proletarischer Frauenbewegung. Viele bürgerliche Frauen hielten die Forderung nach allgemeinem, gleichem Wahlrecht bis in die Zeit des Ersten Weltkriegs hinein für verfrüht. Sie forderten für Frauen ein Drei-Klassen-Wahlrecht nach dem Vorbild der privilegierten Männer und kümmerten sich nicht darum, dass dabei die große Masse der Proletarierinnen in politischer Rechtlosigkeit gehalten würde.

Durch die Gründung der internationalen sozialistischen Frauenbewegung 1907 in Stuttgart erhofften sich die Genossinnen stärkere Durchsetzungskraft. Auf dem Kongress verpflichteten sich die sozialistischen Parteien aller Länder, sich für die Einführung des uneingeschränkten allgemeinen Frauenwahlrechts einzusetzen. Bei der II. Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz 1910 in Kopenhagen wurde die Durchführung eines Internationalen Frauentags beschlossen, „der in erster Linie der Agitation für das Frauenwahlrecht“ dienen sollte. Der erste Frauentag 1911 wurde ein voller Erfolg. Die „Weltkriegsfurie“ (Zetkin) führte dazu, dass die Wahlrechtsfrage in den Hintergrund trat.

Nahendes Kriegsende gibt Frauenstimmrechtsbewegung neuen Aufschwung

Das nahende Kriegsende gab der Frauenstimmrechtsbewegung neuen Aufschwung. Das bürgerliche Lager begann, mit Teilen des sozialdemokratischen zusammenzuarbeiten. Die Gesetzentwürfe der SPD wurden dennoch bis Juli 1918 abgelehnt. Für die Arbeiter- und Soldatenräte, die sich im November 1918 überall formierten, gehörte die Forderung nach dem Frauenstimmrecht zu den Parolen der Revolution. In der Erklärung des Rates der Volksbeauftragten vom 12. November 1918 hieß es: „Alle Wahlen zu öffentlichen Körperschaften sind fortan nach dem gleichen, geheimen, direkten, allgemeinen Wahlrecht […] für alle mindestens 20 Jahre alten männlichen und weiblichen Personen zu vollziehen.“

Am 19. Januar 1919 durften Frauen in Deutschland zum ersten Mal wählen und gewählt werden. Die Wahlbeteiligung für die Nationalversammlung war mit über 82 Prozent hoch. 9,6 Prozent der Mitglieder der Nationalversammlung und 8,7 Prozent der Parlamentsmitglieder, die im Juni 1920 in den Reichstag einzogen, waren Frauen. Sie gehörten mehrheitlich der SPD und der USPD an. Die Sozialistinnen brachten frischen Wind und neue Themen in das Parlament, denn sie sorgten dafür, dass soziale Probleme, die die unteren Schichten betrafen, zu denen die meisten einmal selbst gehört hatten, öffentlich diskutiert wurden. Die liberalen und konservativen Volksvertreterinnen sahen sich eher als Repräsentantinnen ihres Standes.


Über die Autorin

Gisela Notz lebt und arbeitet als freie Wissenschaftlerin in Berlin. Sie ist Autorin und Herausgeberin zahlreicher Bücher und des Wandkalenders Wegbereiterinnen sowie Redakteurin von Lunapark21.

Zuletzt erschienen: Gisela Notz (Hrsg.): Wegbereiterinnen. Berühmte, bekannte und zu Unrecht vergessene Frauen aus der Geschichte, Neu-Ulm: AG SPAK Bücher 2018. In dem Buch sind auch zahlreiche der im Artikel erwähnten Politikerinnen porträtiert.

.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.