#85 – Friederike Erichsen-Wendt: Verbinden statt verfangen

Zwischengerufen Gastbeitrag

Am 16. Oktober 1994 durfte ich zum ersten Mal „wählen gehen“. Wie das ging, wusste ich vom „Über-die-Schulter-Schauen“ bei meinen Eltern. Ich ahnte, dass es irgendwie etwas besonders Wichtiges war. Und dass man es eben tat. Und weitgehend unabhängig vom jeweiligen Tagesgeschehen immer die gleiche Partei zu wählen, trug zur Stabilität ihrer Welt bei. Aber das ist auch eine andere Geschichte.

Zumindest in meiner Erinnerung ist es so, dass es sich für mich unbestimmt bedeutungsvoll anfühlte, die viel zu ausgetretenen Stufen des viel zu in die Jahre gekommenen Bürgerhauses zu erklimmen, um Erst- und Zweitstimmen zu verteilen. Ich wuchs mit der Gewissheit auf, die Zukunft – mehr oder minder innerhalb bereits bekannter Parameter – planen und das Leben gestalten zu können. Im gleichen Jahr nahm ich zum ersten Mal an einer feministisch-theologischen Basisfakultät teil. Ich ahnte, wie Geld und Bibel und Politik zusammenhängen und staunte, dass es Nischen an Universitäten gibt, an denen gleichzeitig gearbeitet, gedacht, gebetet und ein Puzzlestück Leben miteinander geteilt wird. Ein Jahr später dann: reif für die Hochschule, attestiert „sehr gut“, obwohl die Herkunftsfamilie immer wieder fragte, wozu Mädchen eigentlich Abitur brauchen.

Traditionelle Leitbilder und der Rückzug ins Private

Über lange Jahre hielt ich für völlig selbstverständlich, wofür Menschen jahrzehntelang gekämpft haben: Wahlrecht, Stimmrecht, freier Zugang zu Universitäten und freie Berufswahl. Es war mir selbstverständliches Erbe. Wirklich zu denken gibt mir dies erst in jüngster Zeit, wo es nicht mehr quasi-zwangsläufig und selbstverständlich zu sein scheint, dass sich unsere Gesellschaft kontinuierlich zu mehr Freiheit, Gleichberechtigung und Pluralität hin entwickelt. Wo Menschen vielmehr überwiegend dort bleiben, wo sie sind: Bei der Familie, bei ererbten Werten, in der Heimatregion. Klare Grenzen werden gezogen, klare Regeln herrschen. Entwicklung, Experiment, Auseinandersetzung um Orientierung in chaotischen Situationen – all das hat einen schweren Stand, wenn traditionelle Leitbilder und der Rückzug ins Private attraktiver werden. Man wird das dem Einzelnen nicht zur Last legen und sich doch fragen: Was ist mein Beitrag daran, dass sich diese gesellschaftliche Wende angeschlichen hat?

Echokammern individueller Gewissheit

Netzwerke verfangen dann eher zu Echokammern individueller Gewissheit, als dass sie Menschen verbinden. Nur, wer sich diesen mächtigen Sogwirkungen entgegenstellt, setzt auf das Verbindende von Netzwerken. Und dies nicht nur aus moralischen Gründen, sondern weil es nahezu unkontrollierbare shitstorm-Mechanismen geradezu erzwingen. Über Jahrtausende sind Bilder gesellschaftlich prägender Identitätsgeschichten ganz handfest am Webstuhl gewoben worden, um Inhalte fürs kulturelle Gedächtnis zu produzieren und zu erinnern. 100 Jahre Wahlrecht für Frauen erinnert an das emanzipatorische Potential, das Gesellschaften zu eigen ist. Ich persönlich höre das als Verpflichtung, die Gesellschaft, in der ich lebe, dahingehend offen zu halten. Dafür einzutreten und dafür das Wort zu erheben. Wir tun das schon lange nicht mehr an Webstühlen.

Netzwerke verweben analoge und digitale Spuren zu neuen Räumen

Die Kirche ist aufgrund ihrer Skalierungsfähigkeit eine solide Grenzgängerin in solch instabilen Räumen. Zu Demokratisierung trägt bei, zwischen allen Knoten und Fäden Menschen über ihren privaten Nahbereich hinaus eine Stimme zu verleihen, so dass meinungsvielfältige Öffentlichkeiten geschaffen werden. Seiltänzerinnen zwischen den (oft unscharf bestimmten) Logiken unserer Zeit ermöglichen so, dass soziale Zusammenhänge imaginiert werden können, dass Vertrauen aufgebaut wird und mit ihm soziales Zutrauen. Demokratisierung hat damit heute immer auch decouvrierend-aufklärerischen Charakter: Sie zeigt etwas auf, was vorher nicht in dieser Weise sichtbar war.

Projekte in Grenzräumen wie #stationpoetry gehören in diesen Zusammenhang: Sie geben Orten eine Stimme, richten den Blick auf das, was für neoliberales Verwertungsdenken unnütz ist, bringen Menschen zusammen und ermutigen zur eigenen Gestaltung des öffentlichen Raums. Der öffentliche Raum wäre für mich – und andere – nicht mittels Inszenierung und Performance nutzbar, wenn wir uns nicht einem Netz emanzipatorischen Denkens, Fühlens und Handelns verbunden wüssten, dessen Knotenpunkte Ermutigung und Mahnung zugleich sind.


Über die Autorin

Pfarrerin Dr. Friederike Erichsen-Wendt, Jahrgang. 1976, arbeitet als Studienleiterin am Evangelischen Studienseminar Hofgeismar und ist dort hauptsächlich für die Ausbildung von Vikarinnen und Vikaren verantwortlich. Sie hat Evangelische Theologie und Erwachsenenbildung studiert, Mediation gelernt und ist Trainerin für Liturgische Präsenz/ Gottesdienstberatung und Predigtcoach. Sie arbeitet zu Themen der Predigttheorie und experimentiert mit Spielformen und Performances. Ihre Blogadresse ist www.zwischengerufen.wordpress.com.

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