#91 – Florence Hervé: 100 Jahre Frauenwahlrecht – Zurückblicken, Lehren ziehen und Unerledigtes in den Fokus rücken

Journalistin Florence-Hervé

100 Jahre Frauenwahlrecht und allgemeines gleiches Wahlrecht zu feiern ist wunderbar. Es ist zugleich Anlass, zurückzublicken, Lehren aus der Geschichte zu ziehen und zu überlegen was unerledigt blieb und was es noch zu tun gibt. Die freie Journalistin und Mitbegründerin des Kalenders WIR FRAUEN berichtet.

Erinnert sei zunächst daran:

  • Dass das Frauenwahlrecht Ergebnis jahrzehntelanger Kämpfe der proletarischen und bürgerlichen Frauenbewegungen, der Arbeiter/innenbewegung und der Novemberrevolution war.
  • Dass es dem Engagement bemerkenswerter Frauen wie Clara Zetkin oder Minna Cauer zu verdanken war.
  • Dass darum viel gestritten wurde: während es in der sozialdemokratischen Partei viele skeptische Stimmen gab, forderte ein Teil der bürgerlichen Frauenbewegung bis 1917 ein Stimmrecht, das auf bestimmte soziale Schichten beschränkt werden sollte („Damenwahlrecht“).
  • Dass es der Zusammenarbeit und Solidarität Vieler brauchte.

Festzustellen ist:

  • Das Frauenwahlrecht bedeutet lange nicht Gleichberechtigung und Emanzipation.
  • Ein solches Recht – und Erreichtes überhaupt – kann auch zurückgenommen werden – das erfuhren Frauen bitter während der Nazi-Herrschaft.

Erfolge in den vergangenen 100 Jahren

Im Laufe der 100 Jahre – zusätzlich zu der gesetzlich verankerten Gleichberechtigung – konnten viele kleine Erfolge verbucht werden. Ein Leben ohne Trauschein ist heute kein Thema mehr. Die Beziehungen zwischen Männern und Frauen sowie zwischen Frauen haben sich verändert. Auch wenn Gewalt gegen Frauen Thema bleibt.

Verbesserungen wurden bei der Vereinbarkeit von Familie, Partnerschaft und Berufstätigkeit erzielt. Gleichwohl stehen viele Frauen auch heute noch vor der Entscheidung »Kinder oder Beruf«. Die »Lohnlücke« zwischen Männern und Frauen ist kleiner geworden, aber noch immer ist der Unterschied erheblich. Zugleich propagieren neoliberale »Feministinnen« heute anstelle von »Kinder, Küche, Kirche« das Motto »Karriere, Konsum und Konkurrenz«.

Selbstbestimmungsrecht der Frauen bleibt an der Tagesordnung

Es gibt eine Bundeskanzlerin, einige Topgirls und Karrierefrauen, die es „geschafft“ haben, die Mehrheit bleibt aber auf der Strecke.
Denn an der grundsätzlichen Unterdrückung der Frau und an den gesellschaftlichen Machtverhältnissen – auch wenn sie heute andere Erscheinungsformen haben – hat sich wenig geändert. Das Selbstbestimmungsrecht der Frauen bleibt also an der Tagesordnung.

Ebenso der antipatriarchalische Aufbruch in seinen unterschiedlichsten Formen –wie zum Beispiel die MeToo-Debatte-, und die Frauenbewegungen in ihren vielfältigen Prägungen – vom Aufschrei gegen Sexismus 2013 und von den größten Frauen-Demonstrationen gegen die Trump-Administration in den USA bis zur Care-Revolution – der Bewegung für Gleichberechtigung und Entlastung in Pflegeberufen und in der privaten Sorgearbeit. Solche Bewegungen machen Mut.

Angesichts von Rückschlägen und Rechtstrends bleibt eine sozialkritische feministische Einmischung aktuell. Ebenso wie Frauensolidarität, im Alltag und vor Ort, und international.


Über die Autorin

Dr. Florence Hervé ist 1944 in Boulogne-sur-Seine geboren und eine französische, in Düsseldorf und im Finistère lebende Journalistin, Autorin und Dozentin. Daneben ist sie unter anderem Herausgeberin der Publikationen
Clara Zetkin oder: Dort kämpfen, wo das Leben ist“, „Flora Tristan oder der Traum vom feministischen Sozialismus“.

Sie ist seit über 40 Jahren Mit-Autorin des beliebten Kalenders „wir frauen“. Zuletzt sind von Florence Hervé die Werke „Wasserfrauen“ („Femmes de l’eau“) und „Frauen der Wüste (Femmes du désert“) erschienen.

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