#99 – Carmen Thomas: Ist – War – Kann – „Gemeinsam besser“ – mit Netzwerken mehr bewirken

Bienenwabe

Selbstbestimmter, unabhängiger und freier werden: Ein Ist, das sich westliche Frauen im letzten Jahrhundert hart – sowohl einzeln wie auch in Gruppen – gegen alle möglichen, auch eigene Widerstände erarbeitet und erkämpft haben – allem voran das aktive und passive Wahlrecht. So vieles, was heute ganz selbstverständlich erscheint, war das auch hierzulande viel zu lange nicht. Nichts davon wurde freiwillig geschenkt.

Ein assoziativer Überblick, der durch das Ist auch das War beleuchtet

  • Allein unbehelligt über die Straße bummeln dürfen
  • Allein ein Restaurant oder gar eine Kneipe aufsuchen können
  • Ab 1962 selbst ein Bankkonto eröffnen und ab 1969 voll geschäftsfähig werden
  • Den Partner / die Partnerin selbst wählen
  • Sex vor der Ehe; sexuelle Selbstbestimmtheit
  • Heiraten oder nicht heiraten
  • Gewünschte Kinder bekommen – auch außerehelich oder gar nicht = erst ab 1995 gesetzlich geregelt
  • Jede Form von Bildung realisieren; jeden Beruf selbst aussuchen können
  • Ab 1977 Arbeitsverträge allein unterschreiben und den Lohn selbst behalten dürfen
  • Seit 1958 den Führerschein ohne Erlaubnis des Mannes machen
  • Im Job bis in Top-Positionen in Wirtschaft, Politik, in den Medien, in Organisationen aller Art aufsteigen können (nur religiöse Vereinigungen – außer der evangelischen Kirche – verstoßen in diesem Punkt noch immer gegen das Grundgesetz)
  • Erst ab Anfang der 1980iger auch in Deutschland die Frauen gerecht in die Sprache integrieren
  • Seit 1996 den eigenen Nachnamen bestimmen und behalten können
  • Allein unbescholten eine Wohnung mieten können
  • Sich in Einverständnis scheiden lassen – ohne Schuldprinzip und ohne Rufschädigung
  • In Wohngemeinschaften zusammenwohnen ohne Kuppel-§§
  • Sich vor gewalttätigen Männern besser – auch mit Frauenhäusern – schützen
  • Seit 1997 die Vergewaltigung in der Ehe unter Strafe stellen.
  • “Me too“-Info-Foren gegen sexuelle Belästigung einrichten ab 2017

Und auch das gehört dazu

  • Freiheitlich Mode tragen, wie frau sie mag
  • Auch Fußball-spielen und Fußball-Weltmeisterinnen werden
  • Boxen; Rennen Fahren
  • Als 13Jährige allein um die ganze Welt segeln
  • Astronautin werden
  • Nobel-Preise bekommen
  • Staatschefinnen und Top-Managerinnen werden
  • Und in den Medien: Nachrichten vorlesen dürfen (1971 Wiebke Bruns als erste TV Sprecherin der heute-Nachrichten im ZDF; wurde erst ab 1974 im WDR-Hörfunk! erlaubt)
  • Alle Formate präsentieren: Politik, Kultur und Sport (ich selbst war ab 1968 mit unter den ersten Frauen, die ab 1967 das WDR-Morgenmagazin mitmoderieren durften)
  • Und ich war die erste Frau, die ab 1973 eine Sport-Sendung im Deutschen TV präsentieren durfte (Samstagsabends im ZDF-Sportstudio zwei Jahre lang bis zur WDR-Festanstellung – die ARD zog erst 25 Jahren später mit Anne Will nach – es gab bisher nur sechs Frauen-Versuche in 50 Jahren beim ZDF und nur fünf in fast 60 Jahren bei der ARD-Sportschau)
  • Erst 1986! durfte die erste Frau das WDR-Hörfunk-Mittagsmagazin moderieren
  • 1989 durfte Sabine Töpperwien über die Fußball-Bundesliga berichten und ab 2001 sogar Sportchefin beim WDR-Hörfunk werden
  • 2003 war die erste ARD-Intendantin Dagmar Reim beim RBB. Der WDR zog ab 2007 mit Monika Piehl nach
  • Erst ab 2016 durfte Claudia Neumann nach 64 Jahren Frauen-Tabu als erste ZDF-TV-Reporterin ein wichtiges Fußballspiel kommentieren

Lebenstationen

Meine Güte, sooo alt bin ich doch noch gar nicht. Aber als ich 1968 beim Rundfunk als Moderatorin im WDR-Morgenmagazin mit 21 Jahren begann, waren fast alle aufgezählten Dinge, bis auf wenige Ausnahmen, noch genau umgekehrt an der Tagesordnung. Chapeau: Was wurden seit + / – 1970 und vor allem in den letzten 150 bis 100 Jahren von Frauen an Rechten da noch viel gefahrvoller erkämpft. Was haben viele davon echte Opfer gebracht. Es hat im Kampf um die Gleichberechtigung ja sogar Tote gegeben.

Vorbilder

Besonders beeindruckt bin ich von Elisabeth Selbert, der Juristin, die in der Verfassunggebenden Versammlung den Artikel 3 zur Gleichstellung von Mann und Frau in einem ebenso mutigen wie zähen Kampf gegen alle Widerstände durchsetzte. Viel zu wenige – auch zu wenig Frauen – kennen ihren Namen. Vorbilder galten schon immer als hilfreich. Mir ist erst später klar geworden, dass es auch querdenkerische und radikalere Vorkämpferinnen braucht, um dadurch den Freiraum für alle zu vergrößern. Denn alle Vorreiter und Vorreiterinnen erleiden ja strukturell die „InnovationsKaskade“: erst ignoriert -> dann verlacht -> dann bekämpft => dann übernommen. Da ich in meinem Leben so oft irgendwo zum ersten Mal war, gab es leider kaum Vorbilder dafür.

Im Journalismus beeindruckend und ermutigend waren allerdings Julia Dingwort-Nusseck, die von 1969 bis 1976 Wirtschaftsredakteurin und in der Zeit sogar Chefredakteurin im WDR-TV wurde.

Ebenso Fides Krause-Brewer, die ab 1962 ZDF-Korrespondentin im Bonner Hauptstadtstudio war.

Ansonsten gab es gute Kolleginnen – Überraschung – „nur“ im Frauenfunk und im Schulfunk.

Auf mich machten vor allem amerikanische und holländische Frauenbewegungs-Frauen mit ihren Büchern einen großen Eindruck, als es dann erst ab Ende 1973 -1975 mit der Frauenbewegung hierzulande so richtig losging: Germaine Greer, Marilyn French, Anja Meulenbelt, Cheryl Bernard / Edith Schlaffer, Verena Stefan, und viele mehr.

Seit 1980 ist eines meiner beruflichen Standbeine das diskrete Top-Coaching von Einzelnen und ihren Teams. Diese Form der Zusammenarbeit stellt ja eine ungewöhnliche Offenheit und vertrauensvolle Nähe her. Hier berichten Frauen seit einiger Zeit immer häufiger von einer Rückwärtsbewegung.

Die zunehmenden Bärte deutscher Männer sind wie ein kleines Symbol dafür.

Frauen in wichtigen Positionen schildern außerdem, dass viele junge Frauen wieder stärker den Rückzug ins Private planten, und mit zu großer Unbesorgtheit die Gefahren daraus – wie zum Beispiel eine große Altersarmut – unterschätzten. Außerdem schimmere mancherorts eine entsolidarisierende Stutenbissigkeit allenthalben wieder auf, die sie zwischenzeitlich durch die 1970er und 80er Jahre für überwunden gehalten hätten. Denn junge Frauen nähmen das Ist für selbstverständlich und ahnten nicht mal, wie mühselig was errungen worden sei und wieder auf dem Spiel stehen könne.

Netzwerken als Chance

Genau deshalb ist Netzwerken so zentral. Und das mit Methode. Kooperieren Fehler-freundlicher und achtsam wertschätzender mit System erlernen. Systematischer bei Männern ablernen, wie Räuberinnen-Leitern bilden geht und wie sich Krabben-Korb-Verhalten* überwinden lässt (* wenn eine aussteigt, hängen sich die anderen dran, so dass die Aussteigerin wieder in den Korb zurückfällt). Wie bei Sport und Spiel mit Lust trainierbar: Mehr Halt und Zusammenhalt auf Dauer erzeugen lernen. Beispiel: Erklärvideo zum „Deutschen Grundgesetz“, und Erklärvideo „Sharing und Mitmachen mit Methode„.

Weil ich diese Rückwärtsbewegung selbst erlebe, fokussiert sich meine Arbeit jetzt auch wieder verstärkter auf die Vermittlung, wie sich Halt und Stabilität in Netzwerk-Gruppen herstellen lassen. Denn das gehört seit 1976 zu meinen Schwerpunkten von „sich-selbst-moderierenden Gruppen“. Meine älteste Gruppe, die sechs Jahre lang jede Woche zwei Stunden tagte, hält seit 42 Jahren bröckelfrei Kontakt (s. „Die Hausfrauengruppe oder wie 11 Frauen sich selbst helfen“ Rowohlt 1978 + 1986).

Carmen Thomas PublikationenDurch dieses erste Mitmach-Buch hat die Gruppe Nachahmerinnen-Netzwerke angestoßen, die ebenfalls bis heute stabil sind. Das bedeutet, ich lebe seit Jahrzehnten das, wovon ich träume: Netzwerke neben den Familien zum Impulse und Halt geben. Aus diesem Grund gehören zu den Spezialitäten meiner Arbeit in der 1. Moderations-Akademie für Medien + Wirtschaft (die ich 1998 gründete) erlern- und trainierbare Netzwerk-Formen zu vermitteln, z.B. „Impuls- + Frage-Foren“, „Mitmach-Ateliers“ und „Spiegel-Karussells“, die beständig weiterentwickelt werden. Ziel: mit systematischer Gruppen-Klugheit zukunftsfähiger in Netzwerke aller Art werden. Motto: “Keine-r ist so klug wie alle“.

Tatsächlich macht die real verunsicherndere Zukunft Solidarität heutzutage noch bedeutsamer. Die gesellschaftliche Haltung der Über-Individualisierung – symbolisiert im Tatooing und Piercing – und der Haltung: “Wenn alle an sich denken, ist an alle gedacht“ droht gerade westliche Kulturen zu kannibalisieren.

Unberechenbarere, Vertrauen erschütternde, alles aufs Spiel setzende narzisstische Politiker; Fake News; Ausspähen; die Folgen von Künstlicher Intelligenz; der höhere Anteil von Männern in der Bevölkerung, die rückschrittliche Vorstellungen übers Frau-Sein wieder zurückbringen; Angst erzeugende Klima- + Umweltveränderungen, etc. ….

Netzwerke können gezielter helfen, wie Ändern gemeinsam besser geht

Angst macht dumm und aggressiv. Deshalb ist für Frauen kompetent stützendes und mehr schützendes Netzwerken umso wichtiger. Praxisbedarfs-Beispiele:

  • Die Gleichbezahlung, die noch immer nicht durchgesetzt ist, obwohl das nicht Verfassungskonform ist, braucht Netzwerke. Die können gezielter helfen, wie Ändern gemeinsam besser geht. Dann muss nicht wieder jede Frau einzeln „auftrumpfend“, „rechtfertigend“, „oftmals dabei gedemütigt“ die verfassungsrechtlich gültige Gerechtigkeit – auch in der Bezahlung und in der Ausstattung – durchkämpfen.
  • Auch für die balancierende Repräsentation von Frauen in allen Führungspositionen und in der Politik braucht es mehr Netzwerk- und Unterstützungs-Kompetenzen. Die Einsicht, dass Männer und Frauen nicht nur verschieden aussehen sondern auch verschieden sind, bedeutet „Verschiedenheit als Wert“ begreifen zu können.

Balance: Voraussetzungen, damit sich „Verschiedenheit als Wert“ entfalten kann

Schon Platon wusste, dass Männer und Frauen wie zwei Hälften sind, die nur zusammen ein Ganzes ergeben. Motor dafür ist das Gespür, was eine mathematisch-reale Geschlechtergerechtigkeit bewirken kann. Erst die Balance schafft Voraussetzungen, damit sich die „Verschiedenheit als Wert“ überhaupt entfalten kann. Es ist ja noch immer nicht durchschaut, was in Gremien, in der Politik, in Aufsichtsräten,… ohne Geschlechter-Balance genau fehlt. Erst wenn Mitmachen und Mitlösen auf Augenhöhe zu den selbstverständlichen Einsichten gehören, wird erlebbar werden, wie nachhaltig alle Beteiligten konkret davon profitieren können. Denn: „Sharing bringt’s und Mitmachen macht’s“.

Carmen Thomas


Weitere Informationen zur Kommunikationsexpertin, Coach, Moderatorin, Journalistin und Autorin, Carmen Thomas sowie einen Überblick über ihre Publikationen erhalten Sie auf ihrer Webseite. 

 

(Bildquelle Coverbild: Pixabay)

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