#77 – Annegret Zander: Instagram-Beste-Freundinnen – Netzwerke

Freundschaft

Forever A Best Friend

Ich hatte immer eine beste Freundin, seit ich drei Jahre alt war. Mit vier spielten wir mit unseren Puppen, mit sechs tollten wir auf der Straße, mit zehn gabs Abenteuer mit selbstgestylten Barbies und im Wald, mit zwölf kicherten wir Nächte durch, mit vierzehn redeten wir über Jungs und Gott und Schule, mit siebzehn gingen wir auf die Anti-§218 Demo in Fulda… Wir trafen uns, wir telefonierten stundenlang mit dem Tasten-Telefon an der langen vertrullerten Schnur im Klo bis die Schwester auch mal wollte, wir hingen mit der kleinen Clique herum, wir tranken sehr viel parfümierten Tee. Manche Themen ließen wir aus.

Ich habe immer noch eine beste Freundin. Die lebt weit weg und wir nutzen viele Kanäle, um in Kontakt zu bleiben (Whatsapp, Scype, Email). Manchmal treffen wir uns. Inzwischen kann ich mit ihr über Dinge reden, die ich mich früher nicht getraut hätte: Sterben (wir haben einen Blog draus gemacht), Sex und die Wechseljahre, Wünsche ans Leben, Ängste. Meine beste Freundin war und ist einer meiner wichtigsten Netzwerkknotenpunkte, um mich im Leben zu verankern. Sie war und ist da, auch wenn alles andere gerade schiefläuft.

Die besten Freund*innen meiner Tochter

Ich bin froh, dass auch meine Tochter beste Freundinnen hat. BFFs (Best Friends Forever). Sie treffen sich, machen lustige Sachen zusammen, sprechen über alles. Auch wenn sie nicht zusammen sind. Dann reden sie per WhatsApp-Kamera und/oder chatten ohne Ende. Und wie vermutlich meine Mutter damals, denke ich mir: Was quasseln und tippen die denn für einen Kram, völlig inhaltsleer, mach doch lieber mal was für dich alleine, statt immer nur in dein Smartphone zu schauen…

Denn sie hat noch mehr: Wenn ihre Freund*innen gerade offline sind, gibts da noch Dagi und Bibi und Ossi.Glossy und Marvynmacnificent und Julian, die morgens und nachts und zwischendurch mal ihre Instagram Kamera anstellen und dann siehst du sie verstrubbelt im Bett liegen und sie reden mit dir als wärest du ihre Freund*in. Na ja und die Tipps fürs perfekte Gesicht und so weiter… Und verdienen damit ihr Geld. (Ein eigenes Thema. Die Teenie-Netzwerke als auskömmliche Berufsplattform für Influencer*innen.)

Dagibee hängt lieber mit euch ab

Dagibee scheint gerade niemand zu haben. Eben blubbert die Lifestyle – Influencerin life auf Instagram in einer ihrer „Meet&Greet“ Pausen. Schiebt den Pausensalat zur Seite, zeigt ihre Nägel, wedelt sich die blonden Haare aus dem perfekt gestylten Face, beantwortet Fragen, die ihr mit Herzchen, Winkehänden und Küsschengesichtern zufliegen. „Verlost du dein Outfit?“ Sie hängt lieber mit uns rum als alleine. Und anna_sophie bettelt: „Grüß much bitte es ist mein größter Traum weil ich liebe dich so du bist mein großes Vorbild“ Das klappt leider nicht. Stattdessen macht Dagi das nächste Product-Placement: ihr neuer Lippenstift. Ach anna_sophie. Ach Tochter. Was tust du dir da an mit Perfekten Bildern und trügerischer Intimität.

Menstruation auf meinem Instagram Account?

Eigentlich sollte ich so etwas wie Dagis Story ja gar nicht kennen. Ich habe als Erwachsene in der Teenie – Welt ja nichts zu suchen. Dummerweise möchte auch ich Instagram zum Netzwerken nutzen. Privat und neuerdings auch beruflich (wegen #occupyheaven).
Meine ersten Follower*innen: Die Klassenkamerad*innen meiner Tochter. Ich bin verwirrt. Eben dachte ich noch, ich könnte still für mich hin meine Posts mit Erwachsenen teilen und nun hat sich das Teenie-Netzwerk in meins reingehängt.

Was nun?

Erst mal eine Grenze setzen: Ich folge meiner Tochter auf Instagram nicht. Und auch den anderen Teenies nicht.

Ich könnte beginnen, Dinge zu liken, über die ich früher selbst mit meiner besten Freundin kaum zu sprechen wagte. Denn es gibt nun ganz erstaunliche Frauen, die über Menstruation schreiben und zeichnen wie @diemenstruationsbeauftragte oder umweltfreundliche Pads nähen und verkaufen wie Stephanie Oppitz mit @vonockerundrot.

Loveyourselffirst.project kommentiert einen gezeichneten Slip mit Blutfleck mit „Periods are natural, not dirty.“ marcellailustra zeichnet normale Frauen mit Kurven und Orangenhaut: „Be proud of your body“. OMG! Über solche Dinge wussten wir damals so gut wie nichts! Könnte es sein, dass die Mädchen doch darüber sprechen? Wie auch über #bodypositivity #bodypositive #loveyourself bei den @maedelsabende und@aufklo und @pinkstinks. Endlich gibt es Information und die Möglichkeit, die eigenen Unsicherheiten mit dem Körper und dem Erwachsenwerden auch auf eine gute Weise einzuordnen. Mit lauter Freund*innen da draußen. Von denen ich ab und zu eine kennenlerne. Echte tolle normale Frauen. Aber finden die Mädchen das überhaupt? Finden sie es so peinlich und eklig wie ich früher?

Und was denken meine erwachsenen Follower? Glauben Sie mir, da sind manche dabei, mit denen ich jetzt echt nicht über Perioden sprechen möchte.

Die Welten vermischen sich: die Dagis mit den Feminstinnen, die Kirchenmänner mit den Teenies …, Berufsinteressen mit Privatem.
Ich habe #keineahnung wie ich weiter vorgehen soll.
Ich frage meine #bestefreundin. Die wusste bisher noch immer Rat.


Über die Autorin

Annegret Zander, Pfarrerin
Fachreferentin in der Fachstelle Zweite Lebenshälfte
Im Referat Erwachsenenbildung

www.fachstelle-zweite-lebenshaelfte.de
totenhemd.wordpress.com

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