#86 – Angela Dorn: 100 Jahre Frauenwahlrecht – sind das nun auch 100 Jahre Gleichberechtigung?

Angela Dorn, Landesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen Hessen

Vor 100 Jahren wurde von den Frauen in Deutschland das Frauenwahlrecht erkämpft. Frauen sind seitdem Wählerinnen und Gewählte. Doch warum kann kaum eine heute sagen, dass wir Frauen damit gleichberechtigt auf allen Ebenen sind? Was ist seitdem passiert und nicht passiert, dass wir heute als Frauen immer noch darum kämpfen müssen, den gleichen Lohn wie Männer zu erhalten? Wieso müssen wir uns immer noch der Quote bedienen, um endlich die Hälfte der Macht zu haben? Warum werden immer noch weibliche Körper sehr stark sexualisiert?

Diese Fragen geistern in meinem Kopf, wenn es um die Gleichberechtigung geht. Wir haben viel erreicht, ganz klar – Frauen können heute viel freier leben als noch vor 100 oder 50 Jahren. Doch das darf unseren Blick auf die Gleichberechtigung nicht verwässern. Denn gerade weil es ja eine rechtliche Gleichstellung gibt, gerade weil die Frauen sich aus dem Hausfrauenkorsett der 50er befreit haben, müssten wir eigentlich schon weiter sein. Doch die wenigen Frauen in den Führungsetagen und die großen Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern zeichnen ein anderes Bild. Und nun erstarkt eine Neue Rechte, die unsere Errungenschaft wieder zurückdrehen will. Ich hätte mir in meinen schlimmsten Träumen nicht ausmalen können, dass im Jahr 2018 wieder die Frage einer „natürlichen Geschlechterordnung“ aufgerufen werden könnte.

Nicht auf Erfolgen der Mütter und Großmütter ausruhen

Auch deshalb engagiere ich mich in der Politik – ich will Verhältnisse nicht nur beschreiben, sondern sie auch verändern. Ich will mich nicht ausruhen auf den Erfolgen unserer Mütter und Großmütter und ich will erst recht nicht akzeptieren, dass ich als Frau weniger Chancen auf einen Chefinnensessel habe und gleichzeitig mehr „Chancen“, nur über mein Äußeres definiert zu werden. Als Politikerin will ich gleichzeitig sichtbar für andere junge Frauen sein und zeigen, dass es auch als Frau neben den vielen, vielen älteren Herren Politikern möglich ist, sich durchzusetzen.

Gleichberechtigung endlich verwirklichen

Das ist nicht immer leicht, ganz klar. Ich habe oft das Gefühl, dass wir Frauen 150 Prozent Leistung abrufen müssen, um wahrgenommen zu werden. Das kann manchmal bitter aufstoßen – andererseits ist es dann umso schöner, wenn ich merke, dass ich Erfolg mit dem habe, was ich mache. So haben wir in der hessischen Regierung als GRÜNE ganz viel für die Gleichberechtigung erreicht: Wir haben ein modernes Gleichberechtigungsgesetz geschaffen, dass mehr Frauen in Führungspositionen bringen soll, einen Lohnatlas aufgelegt, mit dem wir die ungleiche Bezahlung flächendeckend nachweisen können und wir haben dafür gesorgt, dass mehr Frauen in politischen Gremien und Parlamenten vertreten sind – also dort, wo Entscheidungen getroffen werden.

Wir sind stolz darauf, so viel erreicht zu haben und jetzt wollen wir noch mehr, um die Gleichberechtigung zu verwirklichen: wir wollen über Rollenbilder diskutieren, den Sexismus bekämpfen, Frauen mehr Möglichkeiten bei ihrer Berufs- und Karrierewahl geben. So wollen wir den Kampf als Töchter weiterzuführen und unsere Errungenschaften verteidigen. Damit unsere Töchter dies irgendwann nicht mehr tun müssen.


Über die Autorin

Angela Dorn ist Landesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen in Hessen sowie Landtagsabgeordnete seit 2009. Sie ist 36 Jahre alt, verheiratet und hat drei Töchter. Mehr über Angela Dorn und ihre politische Arbeit sowie Ziele erfahren Interessierte auf ihrer Webseite. 

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