#8 – Gloria Dück: Monika Hauser – ein Portrait

Monika-Hauser

Es gibt Dinge, die mir Frauen erzählt haben, die ich ganz tief in mir vergraben habe, über die ich mit niemandem reden kann. Das geht so weit, dass ich denke, das kann ich nicht einmal einer Therapeutin antun, ihr das zu erzählen. Die sind in mir vergraben – die stecken fest, irgendwo da drinnen“.

Monika Hauser wurde 1959 als Tochter Südtiroler Eltern in der Schweiz geboren und ist dort aufgewachsen. Schon früh führt sie mit ihrer Großmutter Gespräche über Gewalterfahrungen von Frauen und Mädchen in den Südtiroler Dörfern. Bei Gesprächen mit den Eltern über den 2.Weltkrieg stößt sie auf viel Schweigen und auf Verständnis für Hitler. Sie erfährt, dass ihr Großvater ein Mitläufer war und liest Bücher über den Nationalsozialismus und die Shoa. Dadurch entwickelt sie ein starkes Mitleid mit den Verfolgten. Ihre Empörung über Unrecht und Gewalt treiben sie zum Handeln an.

Monika Hauser – ein Werdegang mit harten Erfahrungen

Mit 17 absolviert sie ein Praktikum in einem Kibbuz in Israel. Dort begegnet sie Überlebenden aus deutschen Konzentrationslagern. In ihr reift der Entschluss, Medizin zu studieren, und sie geht zum Studium nach Innsbruck. Ein dreimonatiges Praktikum in Sri Lanka sind für sie eine harte Erfahrung: Katastrophale hygienische Zustände und Operationen ohne Narkose sind die Regel. 1985 promoviert sie, ab 1985 arbeitet sie als Assistenzärztin für Gynäkologie und Allgemeinchirurgie in Südtirol. Bei Ärzten und Ehemännern macht sie sich schnell unbeliebt, weil sie immer wieder eine sensiblere Behandlung der Patientinnen einfordert. Sie ist bald als „rote Hexe“ verschrien. „Den Dreck, den geben wir der Monika“, sagen ihre Kollegen in Köln, wo sie seit 1988 nach deutscher Approbation arbeitet. Mit „Dreck“ meinen sie Roma-Frauen, HIV-Infizierte, Drogenabhängige und Vergewaltigungsopfer.

Monika Hauser nimmt die Frauen mit ihren Problemen ernst, hört ihnen zu und fragt nach. Ihr wird immer deutlicher, in welch starkem Maße die Krankheiten der jeweiligen Frauen deren Lebenserfahrungen widerspiegeln. In Zusammenarbeit mit einer Psychologin erreicht sie, dass Opfer sexueller Gewalt besser geschützt werden und sie baut Selbsthilfegruppen für Frauen nach Totgeburten und Abbrüchen auf. Aber der Klinikalltag und die permanente Ignoranz ihrer Kollegen erschöpft sie bis zum Burnout. Im Sommer 1992 kündigt sie und unterbricht ihre Facharztausbildung.

Ihr Wunsch: Ein geschützter Raum für Frauen und Kinder

Im November erscheint im „Stern“ ein Bericht über Massenvergewaltigungen in Bosnien. Monika Hauser ist wütend und empört. Der Artikel löst einen unglaublichen Medienrummel aus, Gelder werden gesammelt, Hilfsangebote entstehen. Monika Hauser reist nach Zagreb, informiert sich, spricht mit Flüchtlingsfrauen. Sie möchte gynäkologische und psychologische Hilfen bündeln und einen geschützten Raum vor Ort für Kinder und Frauen schaffen. Ihre Wahl fällt auf Zenica in Zentralbosnien. Dort halten sich zu jener Zeit ca. 120.000 Flüchtlinge auf, 70% sind Frauen und viele davon Vergewaltigungsopfer. Zurück in Deutschland beantragt sie Hilfsgüter und sammelt Spenden. Ihr Projekt soll autonom, feministisch, politisch unabhängig, dezentral und nicht nationalistisch arbeiten. 1Mio. DM der Caritas schlägt sie aus, weil die kath. Kirche Abtreibungen, auch nach Vergewaltigung, ablehnt.

Unter enorm großen Kraftaufwand und mit Hilfe vieler Freunde in Deutschland baut sie „Medica Zenica“ auf. Ein leerstehender Kindergarten wird zur Ambulanz und OP-Raum. In der oberen Etage finden 20 Frauen Schutz. Ärztinnen, Krankenschwestern, Psychologinnen, eine Sekretärin und eine Hausdame betreuen die Frauen. Eine islamische Theologin erhält einen eigenen Raum, in dem sie mit den Frauen sprechen und beten kann. 25 Tonnen Material werden nach Bosnien gebracht, der deutsche Ärztinnenbund organisiert die Erstausstattung mit Medikamenten.

Am 4. April 1993 wird das Zentrum offiziell eröffnet

Das Operieren im reinen Frauenteam ist für Monica eine gute Erfahrung. Ende April wird „Medica Zenica“ als bosnischer Verein eingetragen und eine Partnerorganisation der UNO. Unter Lebensgefahr bringt Monica Hauser immer wieder Frauen aus den umkämpften Gebieten nach Zenica. In Köln gründet sie „Medica e.V.“, das Hilfsprojekt in Bosnien wächst und wird selbstständig. Monica Hauser ist trotz Schwangerschaft rastlos im Einsatz. Am 24.Dezember 1993 verliert sie ihr Kind, am gleichen Tag wird sie zur „Frau des Jahres“ der ARD-Tagesthemen gewählt. In Köln setzt sie ihre Ausbildung zur Fachärztin fort. Infolge eines Namensstreits wird der Kölner Verein in „Medica mondiale“ umbenannt. Das ermöglicht Unterstützung von Frauenprojekten in Krisengebieten weltweit.

Im Winter 1995 hat Monika Hauser einen Totalzusammenbruch und muss selbst Hilfe in Anspruch nehmen. Sie zieht sich ganz zurück, wird schwanger und Sohn Luca wird geboren. Im Oktober 1996 lehnt sie die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes ab, weil die deutsche Regierung trotz katastrophaler Zustände in Bosnien mit der Rückführung der Flüchtlinge dorthin begonnen hat. 1998 beendet sie ihre Ausbildung zur Fachärztin. Im Jahr 2000 übernimmt sie die politische Geschäftsführung von „Medica mondiale“. Für ihren unermüdlichen Einsatz erhält Monica Hauser zahlreiche Ehrungen und Preise, unter anderem 2008 den Alternativen Nobelpreis. Bis zum heutigen Tag sind durch diese wichtige Arbeit Therapiezentren in Bosnien, Albanien, im Kosovo, in Afghanistan, Liberia, Uganda, im Sudan und im Kongo entstanden. Weltweit arbeiten inzwischen rund 150 einheimische Fachfrauen für „Medica mondiale“, seit 2014 werden nun auch Frauen in den Flüchtlingslagern an der türkisch-syrischen Grenze betreut.

Solange es Gewalt gibt, werden wir die Täter anklagen, dafür eintreten, dass ihre Taten geahndet werden und die Überlebenden nicht allein bleiben“, so Monica Hauser. In diesen Worten drückt sich deutlich die Lebensaufgabe aus, der sich Monica Hauser als außergewöhnliche und eigensinnige Frau bis zum heutigen Tag stellt.“

Fotoquelle: Lela Ahmadzai/medica mondiale


Über die Autorin

Gloria DückGloria Dück ist Pfarrerin, von 2003 bis 2017 beauftragt für Frauenarbeit, davor 10 Jahre Klinikpfarrerin im Herz- und Kreislaufzentrum in Rotenburg. Sie ist verheiratet, hat zwei erwachsene Söhne, ein Enkelkind, feiert mit Begeisterung Frauengottesdienste und ist gerne an der Ostsee. Seit November 2017 arbeitet sie als Fachreferentin im Referat Erwachsenenbildung.

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