#64 – Johanna Wirxel: 100 Jahre Frauenwahlrecht und die Folgen / Gleichberechtigung – noch immer Zukunftsmusik

Waldweg

Wir alle sind Streiter_innen für Frauenrechte und Frauenperspektiven. Sonst wären wir nicht Teil von Frauennetzwerken, würden nicht diese Seite besuchen und diesen Artikel lesen. Wenn wir heute über Frauenrechte sprechen, was debattieren wir in unseren Freundschaften und unseren Partnerschaften? Was diskutieren wir in unseren Kirchengemeinden und Frauengruppen? Und was höre ich über diese Themen im Radio, was steht eigentlich in der Kirchen- oder der Lokalzeitung über Frauenpolitik?

In 2018 blicken wir auf 100 Jahre Frauenwahlrecht zurück. Die Themen in den Frauenbewegungen haben sich dabei ganz eigensinnig bewegt. Ging es in der Zeit der vorletzten Jahrhundertwende vor allem um politische Rechte wie eben das Wahlrecht für Frauen – was endlich 1918 gewährt wurde – und um den Zugang zu Bildungsinstitutionen, hat sich die Themensetzung in den 1960er und 1970er Jahren deutlich verlagert. Die rechtliche Anerkennung von Frauen als vollwertige Staatsbürgerinnen war zwar Normalität geworden. Auch der Zugang zu qualifizierender Bildung war auf dem Papier selbstverständlich. Die Lebensrealität von Frauen hingegen war trotz der formalen Gleichstellungen und politischer Siege der vorherigen 50 Jahre noch immer desaströs. In vielen Feldern gab es eklatante rechtliche Benachteiligungen. Im Familienrecht wurde die Frau ihrem Ehepartner untergeordnet. Daher richtete sich die Stoßrichtung der Frauenkämpfe in den 1960er Jahren radikal gegen die Institutionen und kulturellen Denkmuster.

Eklatante rechtliche Benachteiligungen in den 1960ern und 1970ern

Für Frauen wie mich, die nach dieser Zeit geboren sind, sind diese Verhältnisse weit weg und zugleich ganz nahe gesellschaftliche Vergangenheit. In den 1960ern und 1970ern begannen Frauen, in eigenen Gesprächskreisen, Frauengruppen und Frauenzentren über die persönlichen Belastungen und Leiderfahrungen zu sprechen und sich gegenseitig zu stärken. Die Depression wurde in Wut und Energie übersetzt. Die Kritik des Status Quo, der Kampf um gesellschaftliche Debatten und die Durchsetzung von politischen Forderungen sind das zentrale Kennzeichen der Frauenbewegung und Frauenkämpfe dieser Zeit. Und die Frauenbewegung ist nicht vorbei. Sie entfaltet ihre unfassbare Wirkmacht bis heute.

Neben diesen beiden im kollektiven Gedächtnis erinnerten Wellen der Frauenbewegung gibt es eine dritte Welle, die in den 1990er Jahren begann. Die „kopernikanische“ Wende in der Frauenbewegung war die Erkenntnis, dass Frauengruppen häufig so unterschiedlich sind, dass eine einheitliche Interessensvertretung oft nicht möglich ist. Die Vielfalt von Frauen auch in die politische Zielsetzung aufzunehmen, schwäche die Frauenbewegung, sagten damals manche. Heute kann frau festhalten, dass die Akzeptanz und Wertschätzung der Vielfalt von Frauen eine gewinnbringende Krise war, die bis heute nicht abgeschlossen ist.

Digitalisierung feministischer Aktivitäten

Die jüngsten Entwicklungen – manche sprechen von der vierten Welle der Frauenbewegung – sind von einer Digitalisierung feministischer Aktivitäten gekennzeichnet. Junge Feminist_innen bauen seit den 2000er Jahren eine feministische Gegenöffentlichkeit im Internet auf. Die jüngst durchschlagende #metoo-Debatte über systematische sexualisierte Grenzverletzungen gegen Frauen wäre ohne diese vierte Welle der Frauenbewegung nicht denkbar.

Trotz der unterschiedlichen Themenschwerpunkte der vier – nur teilweise – in den Geschichtsbüchern verankerten Wellen der Frauenbewegung und des Feminismus gibt es bis heute unzweifelhafte Kontinuitäten. Und die Debatten brodeln noch immer. Denn wir wollen letztlich die Überwindung von Benachteiligungen auf Grund eines und egal welchen Geschlechts. Wir alle können fühlen, in wenigen Jahrzehnten konnten wir vieles ändern. Dies schärft aber auch den Blick auf das, was noch im Argen liegt. Dass Frauen noch immer viele Formen von Benachteiligung und Doppelbelastungen erfahren ist unbestritten. Was neu ist, ist, dass es mittlerweile einen breiten gesellschaftlichen Konsens gibt, dass dies nicht gerecht ist. Niemand kann Frauen- und vielfältige Diskriminierungsthemen heute mehr abtun. Die Institutionen und Köpfe haben sich geöffnet.

Transformation muss ausgebaut werden

Aber das Ringen von Frauen um die Anerkennung von gesellschaftlicher Fürsorgearbeit geht bis heute weiter. Unter erweiterten Vorzeichen: Durch Modernisierungen wie die Möglichkeit für Männer „Vätermonate“ zu nehmen, wird Fürsorgearbeit nun auch zur gemachten Erfahrung von Männern. Wir Frauenbewegten wissen schon lange, dass der Abbau von Ausschließungen auch ein Gewinn für Männer beinhaltet. Aber heute wird es zum ersten Mal gesellschaftlich für viele Menschen verstehbar.

Diese Transformation muss ausgebaut werden! In Recht, in Kirche und in der Gesellschaft! Und das geschieht auch immer in den einzelnen Gesprächen in der Partnerschaft, mit den Kindern und in jeder Diskussion in den Frauengruppen, Kirchengemeinden, in Parteien, im Radio und in der Kirchenzeitung!


Über die Autorin

Johanna Wirxel, Referentin Frauen*politik, Evangelische Frauen in Hessen und Nassau e.V.

Johanna Wirxel ist unter anderem Hauswirtschafterin, Soziologin (M.A.), Wissenschaftlerin und politische Aktivistin. Seit 2018 ist sie verantwortlich für den neu geschaffenen Bereich Frauen*politik beim Verband Evangelische Frauen in Hessen und Nassau e.V.. Hier verbindet sie aktuellste frauen*politische Themen und Analysen mit den traditionsreichen Ansätzen eines Verbandes, der immer mit der Frauenbewegung selbst wuchs und sich im steten Wandel befindet.

Fotoquelle: Pixabay

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