#62 – Dr. Ursula Neidhardt: Frauenrechte und Geschlechtergerechtigkeit sind keine Themen von gestern!

Dr. Ursula Neidhardt

100 Jahre Frauenwahlrecht – das scheint erst einmal eine wirklich lange Zeit zu sein. Wenn ich aber daran denke, dass meine eigene Lebenszeit mehr als die Hälfte dieser Zeitspanne ausmacht, dann scheint es mir gar nicht mehr so lange her zu sein, dass wir Frauen uns ein grundlegendes Recht erkämpft haben, welches heute wie eine Selbstverständlichkeit erscheint.

Meine Sozialisation ist stark geprägt von dem Erstarken der Frauenbewegung in den 60er Jahren. Schon als Teenagerin entwickelte ich eine ausgeprägte Sensibilität für die Benachteiligungen von Mädchen bzw. Frauen und setzte mich aktiv für die Stärkung ihrer Rechte ein – z.B. in verschiedenen Frauengruppen, als erste Frau im Vorsitz des AStA an einer Pädagogischen Hochschule, als Gründerin eines Frauenkollektivs zwecks Eröffnung einer Buchhandlung mit emanzipativer Kinder- und Jugendliteratur, durch die Unterstützung und Verbreitung feministischer Literatur in einem Frauenbuchladen und -buchversand, sowie durch die Konzeption von Workshops zu Genderthemen.

In meiner späteren Tätigkeit als Lehrerin achtete ich auf gendersensible Sprache und geschlechtergerechten Unterricht, beurteilte Schulbücher kritisch bezüglich ihrer Darstellung der Frauen- und Männerrollen und befasste mich in meiner Promotion mit der Mädchen- und Frauenförderung im Kontext der Demokratisierung von Schule nach 1945. Als Ausbilderin und spätere Leiterin einer Ausbildungsbehörde für Lehrerinnen und Lehrer betonte ich konsequent die gesellschaftliche Bedeutung von Genderpolitik und Gleichstellungsinitiativen – und seit drei Jahren engagiere ich mich ehrenamtlich im Vorstand des Vereins Frauen & Schule Hessen e.V.

Geschlechtergerechtigkeit – ein Für und Wider

Noch zum Jahrtausendwechsel – nach einem gefühlten halben Jahrhundert – meinte ich festzustellen, wie gelebte Geschlechtergerechtigkeit langsam aber sicher an Boden gewann: Frauenbeauftragte waren erstmals auch in den Schulämtern installiert, es wurden entsprechende Fortbildungen angeboten, es herrschte Aufbruchstimmung, der Durchsetzungswille und der politische Druck auf die Bildungspolitik wuchsen, es wurde bildungspolitisch wichtiges Terrain erobert, und unsere Anliegen wurden – auch von Männern – an wichtigen Schaltstellen unterstützt und gefördert.

Nun allerdings hat meine ursprüngliche Zuversicht durch die jüngere Geschichte einen deutlichen Dämpfer bekommen. Ich beobachte mit Sorge, wie z.B. jüngere Frauen wieder in tradierte Rollenmuster gedrängt werden und Sexismus und Benachteiligung sich quasi hinten herum wieder in den gesellschaftlichen Alltag einschleichen.

Öffentliche Diskussion über Frauenrollen und ihre Rechte gewinnt wieder an Bedeutung

Gerade das aus weltpolitischer und frauenpolitischer Sicht irritierende Jahr 2017 mit der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten und der Initiative „#meToo“ – quasi als Spitze eines Eisbergs – hat unübersehbar verdeutlicht, dass Frauenfragen und Geschlechtergerechtigkeit keine Themen von gestern, sondern heute aktueller denn je sind.

Umso mehr gewinnt die öffentliche Präsenz von Frauen, die öffentliche Diskussion über ihre Rolle und ihre Rechte, ein sich gegenseitiges Stärken und Vernetzen wieder an Bedeutung. Und umso wichtiger ist es, dass Frauen zur Wahl gehen und Parteien wählen, die sich der Gleichstellung verpflichten, die sich aktiv der Frauenförderung annehmen und für die es keine Frage ist, dass für Frauen Karriere und Kinder miteinander verein-bar sein müssen!

Insofern hat die verstörende Rückwärtsbewegung in Teilen der Gesellschaft vielleicht im dialektischen Sinn auch ihre positiven Aspekte: Das Interesse an Gleichstellungsthemen, an Frauennetzwerken und an feministischer Literatur – auch an klassischer – nimmt unter jungen Frauen sichtbar wieder zu. Es ist zu hoffen, dass dies auch zu einem bewussten und reflektierten Wahlverhalten von Frauen führt!


Über die Autorin

Dr. Ursula Neidhardt,
Vorstandsvorsitzende des Vereins Frauen & Schule Hessen e.V., Kassel
Mitarbeiterin bei Mentoring Hessen – Frauen in Forschung und Führung, Wiesbaden
Referentin für das Büro für Staatsbürgerliche Frauenarbeit, Frankfurt

Dr. Ursula Neidhardt ist ausgebildete Lehrerin und Buchhändlerin. Sie hat sich in allen Lebensphasen, an unterschiedlichen Orten und auf unterschiedlichen Hierarchieebenen konsequent für die Anliegen der Frauenbewegung eingesetzt. Nach einer über 30jährigen Tätigkeit im Schuldienst, in der Bildungsverwaltung und in der Lehrkräfteausbildung befindet sie sich inzwischen im vorgezogenen Ruhestand und arbeitet freiberuflich als Systemischer Coach & Business Coach; daneben engagiert sie sich in frauenpolitischen Gremien.


Sie möchten mit uns diskutieren oder haben selbst große Frauen-Vorbilder? Dann lassen Sie es uns wissen und sichern sich bis zum Ende der Kampagne noch einen Beitrag auf unserem Blog.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.