#6 – Brigitte Ziegler: Frauenwahlrecht. Hart erkämpft und Ergebnis der Novemberrevolution 1918

Brigitte Ziegler

Ein Meilenstein auf dem Weg zur vollständigen Gleichberechtigung von uns Frauen war zweifellos das Frauenwahlrecht. Nahezu absurd erscheint uns aus heutiger Zeit, dass Frauen davon ausgeschlossen waren.

Der Kampf um das Frauenwahlrecht reicht schon Jahrhunderte zurück. Olympe de Gouges` Erklärung der Rechte als Frau und Bürgerin legte 1791 fest: „Artikel I: Die Frau ist frei geboren und bleibt dem Manne ebenbürtig in allen Rechten…“ Damit meinte sie auch das Wahlrecht, das den Frauen nach der Französischen Revolution noch verwehrt worden ist.

Der Blick in die Vergangenheit

Die folgenden mehr als 100 Jahre waren gekennzeichnet von einer eher zersplitterten Frauenbewegung: Frauen aus der Arbeiterbewegung organisierten sich getrennt von bürgerlichen Frauen und stritten um ihre Forderungen. Wichtiges Zeugnis davon gibt August Bebels „Die Frau und der Sozialismus“. Das Frauenwahlrecht ist auch 1918 nicht einfach eingeführt worden, wie in zahllosen Publikationen historisch geglättet dargestellt, sondern Ergebnis des langen Kampfes und der Revolution.

Es war in der Vorkriegszeit des 1. Weltkrieges tatsächlich gelungen, auch in der Frauenbewegung viele von der Notwendigkeit der „Vaterlandsverteidigung“ zu überzeugen. Wenige Abgeordnete um Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg boten den Kriegsplänen die Stirn, Liebknecht wurde aus der SPD ausgeschlossen und 1916 zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt für seine konsequente Kriegsgegnerschaft. Die Realität jedoch holte die Menschen ein: Der furchtbare Krieg und Kriegsfolgen wie Hunger, Elend und Not brachten im Lande die Stimmung zum Kippen und immer mehr Menschen forderten „Frieden und Brot“. In München kam es zu einer von Frauen organisierten Hungerdemonstration.

Nach vier Jahren entsetzlichen Gemetzels leitete im November 1918 ein Aufstand der Kieler Matrosen das Kriegsende ein, sie verweigerten den Befehl. Die Novemberrevolution breitete sich in ganz ganz Deutschland aus, der Kaiser dankte unter dem Druck von Streiks und revolutionären Erhebungen ab.

Wahlrecht für Frauen

Am 30. November verkündete die Reichsregierung das Wahlrecht für Frauen. Am 19.1.1919 konnten Frauen erstmals wählen. Heute noch streitet die Frauenbewegung für die Forderung nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit für Männer und Frauen, eine wichtige Forderung aus der Novemberrevolution.

Wir haben in den 100 Jahren wichtige Erfolge erstritten, das Bewusstsein von uns Frauen ist enorm gewachsen. Es ist noch gar nicht so lange her, dass Männer zustimmen mussten, wenn Frauen berufstätig sein wollten, auch ein erstrittenes Recht. Die Lehren der Novemberrevolution, die für die Frauenbewegung so wichtige Erfolge durchsetzte, sind weitergehender als nur in der erfolgreichen Erkämpfung des Wahlrechts.

Wir können nur organisiert Ziele durchsetzen

Für den Frauenverband Courage wichtige Lehren sind, dass wir nur organisiert unsere Ziele durchsetzen können. Ein unzerreißbares Netz knüpfen in der Breite „von Religion bis Revolution“, so wie es der Frauenverband Courage seit seiner Gründung lebt. Faschistinnen und religiöse Fanatikerinnen sind ausgeschlossen. Alle Frauen sind betroffen von besonderer Unterdrückung, allein weil sie Frau sind. Wir arbeiten auf Augenhöhe zusammen, wo wir uns im Ziel einig sind: der vollständigen Gleichberechtigung und einer lebenswerte Zukunft. Das schließt die Offenheit für befreite Gesellschaften mit ein, was uns sehr wichtig ist. Wie sie aussehen könnte, darüber diskutieren wir, wie zum Beispiel im Dezember 2019 bei einem Internationalen Seminar über die Theorie zur Befreiung der Frau in Indien.

Die vier Säulen im Frauenverband Courage

In demokratischer Streitkultur wird in unserem Verband gewählt und entschieden, welche Aufgaben und Projekte angepackt werden. Unsere vier Säulen sind: kämpferische Interessensvertretung, gegenseitige Hilfe, Bildung, Beratung und Kultur und gemeinsames Feiern und Erholen. Unsere Gruppen sind international zusammengesetzt. Kernpunkt ist die finanzielle Unabhängigkeit. Auch das ist eine wichtige Lehre aus der Geschichte.
Von großen Netzwerken und breiten Bündnissen fordern wir ein, dass sie bereit sind, offen und auf Augenhöhe zu agieren. Gerade gegen die derzeitige Rechtsentwicklung ist es für die Frauenbewegung grundlegend, breitest möglich zusammenzustehen, das Trennende zurückzustellen, wollen wir erfolgreich sein. In breiten Netzwerken und starken Frauenorganisationen. Ich empfehle: Stärkt den Frauenverband Courage.

Nähere Infos: http://fvcourage.de/


Über die Autorin

Seit vielen Jahren ist Brigitte Ziegler aktiv in der Frauenbewegung, auch international. 2011 und 2016 Teilnehmerin der Weltfrauenkonferenz der Basisfrauen. In München, ihrer (Wahl-)Heimatstadt ist sie im Frauenverband Courage aktiv und im Münchner Aktionsbündnis 8. März. Brigitte Ziegler ist 62 Jahre alt, Mutter zweier Söhne und Oma von Enkelinnen.


Medientipp in der HNA zum Frauenwahlrecht

Das Frauenwahlrecht feiert am 12. November sein 100-jähriges Jubiläum. Wir schauen zurück: Wie Kassel reagierte – und was gleichzeitig in Berlin geschah. HNA Kassel: „Cassels neue Männer“: So reagierte die Region auf das Frauenwahlrecht

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.