#57 – Christa Stolle: 100 Jahre Frauenwahlrecht – „Das Ziel muss lauten: Gleichberechtigt, selbstbestimmt, frei!“

Christa Stolle

Vor 100 Jahren haben sich Frauen in Deutschland das passive und aktive Wahlrecht erkämpft. Diese gesetzliche Neuregelung, war ein Durchbruch für die Frauenbewegung, das Gesetz schaffte eine rechtliche Rahmenbedingung für die Gleichberechtigung von Frau und Mann, auf der wir heute noch aufbauen können.

Oftmals erscheint die formale Gleichberechtigung jungen Frauen unserer heutigen Zeit als selbstverständlich, doch der Weg dorthin war ein langer und ist noch nicht zu Ende, sowohl in Deutschland als auch anderen Teilen der Welt. Frauen sind immer noch Opfer von geschlechtsspezifischer Gewalt und von diskriminierender Politik. Sie werden ihrer selbstverständlichen Menschenrechte beraubt.

Persönliche Perspektive zum Thema

„Gleichberechtigung ist für mich privater und beruflicher Alltag“

Während meines Studiums der Ethnologie und Kulturwissenschaft lernte ich viel über patriarchale Strukturen und Traditionen, wir zum Beispiel die weibliche Genitalverstümmlung. Aber auch im eigenen Familien- und Freundeskreis erlebte ich die unterschiedliche Behandlung und Erziehung von Mädchen und Jungen. Der innere Kampfgeist war geweckt.

Kein Mädchen, keine Frau sollte weiterhin verstümmelt, geschlagen, benachteiligt und offen diskriminiert werden. Ich suchte Verbündete und fand sie vor 35 Jahren bei TERRE DES FEMMES, zunächst ehrenamtlich und wenig später hauptberuflich. Der Ausbau unserer Organisation war und ist von großer Bedeutung, da wir nur so immer mehr Mädchen und Frauen im In- und Ausland unterstützen und helfen können.

Rolle der Nichtregierungsorganisationen

Demokratie funktioniert nur im Einklang mit der Gleichberechtigung der Geschlechter. Die schon erreichten Meilensteine wie der Artikel 3 in Grundgesetz, das sogenannte Gleichberechtigungsgesetz sowie zuletzt die Verschärfung des Sexualstrafrechts (§ 177 StGB) mit dem Grundsatz „Nein heißt Nein“ dürfen nicht immer wieder infrage gestellt werden. Hier sehe ich besonders die Politik im Zugzwang sich weiter für die Durchsetzung des Artikels 3 des Grundgesetzes zu engagieren, um klare Rahmenbedingungen gegen ungleiche Geschlechterverhältnisse und Frauendiskriminierung zu setzen.

Frauenorganisationen wie TERRE DES FEMMES haben die Aufgabe als Wächterinnen der Gleichberechtigung aufzutreten, neue Initiativen für die Überwindung von Missständen und Benachteiligungen von Mädchen und Frauen zu starten und sich nicht zu scheuen, patriarchale Strukturen anzugreifen. Wir brauchen klare Regeln, um die Würde der Frau und ihre Menschenrechte zu wahren.

So hat TDF im Rahmen der Kampagne Frühehen stoppen – Bildung statt Heirat! ein Mindestheiratsalter von 18 Jahren ohne Ausnahme in Deutschland durchgesetzt. Zudem werden Ehen, die im Ausland mit Minderjährigen geschlossen werden, zukünftig in Deutschland nicht mehr anerkannt bzw. aufgehoben. Dieses wichtige Gesetz schützt Mädchen und junge Frauen vor einer zu frühen Verheiratung und damit einhergehend vor gefährlichen frühen Schwangerschaften. Außerdem entsteht eine lebenslange Abhängigkeit von (männlichen) Familienmitgliedern aufgrund mangelnder Bildungschancen.

Um die Bildungschancen von muslimischen Mädchen in Deutschland zu fördern, fordert TDF ein Kopftuchverbot für alle Mädchen bis 18 Jahren in Bildungseinrichtungen. Das inzwischen weit verbreitete Mobbing gegen unverschleierte Mädchen etwa in Schulen mit einem hohen muslimischen Migrationsanteil, die als unrein beschimpft werden, muss strikt verurteilt und sanktioniert werden. Öffentliche Schulen müssen für alle Mädchen eine angstfreie Entwicklung ermöglichen.

Gerade auf Grund der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Situation die erneut antifeministischen Tendenzen mit sich bringt, ist es wichtig unsere Rechte aktiv zu verteidigen. Wir können die an Mädchen und Frauen verübte Gewalt nicht hinnehmen und müssen uns ganz gezielt auch für gesetzliche Regelungen einsetzen, denn nur so sind diese Verbrechen auch strafrechtlich verfolgbar.

Die Gleichberechtigung von Frauen und Männern ist eine Frage der Menschenrechte und eine wichtige Voraussetzung für Demokratie, soziale Gerechtigkeit und ein respektvolles Miteinander.


Über die Autorin

Christa Stolle wurde 1959 in Niedersachsen geboren und hat in Bonn und Tübingen Ethnologie, Volkskunde, Geographie und Empirische Kulturwissenschaft studiert. Von 1987 bis 1990 engagierte sie sich als ehrenamtliches Vorstandsmitglied bei TERRE DES FEMMES und übernahm 1990 die hauptamtliche Geschäftsführung – zunächst von Tübingen und seit 2011 von Berlin aus. 2004 kam zudem die Geschäftsführung der TERRE DES FEMMES Stiftung hinzu.

Heute leitet sie die Bundesgeschäftsstelle mit 36 hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und führt als Vorstandsmitglied einen Verein mit rund 2100 stimmberechtigten Mitfrauen, 2200 FörderInnen und 100 ehrenamtlich Aktiven. Für ihren unermüdlichen Einsatz für Frauenrechte wurde sie u.a. 2013 mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt.

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