#54 – Jutta Preiß-Völker: Der rote Faden

Jutta Preiß-Völker

I.

Wie ein roter Faden zieht sich das Thema Frauenbewegung durch mein (berufliches) Leben. Es bildet eine Textur, ein Gewebe, dem viele Farben, Muster und Materialien sein besonderes Gepräge geben.

Dazu gehören Portraits von Frauen wie Hedwig Dohm, die 1873 das Stimmrecht für Frauen forderte. Für sie war das Wahlrecht die Voraussetzung für die Entwicklung eines gleichberechtigten Mitein¬anders.

Selbstverständlich gehe ich zur Wahl. Gerade auf dem Hintergrund, dass dies eine große Errungenschaft für die Gleichberechtigung der Frauen bedeutet.

Der rote Faden wird weitergesponnen von anderen Frauen wie Elisabeth Selbert, die mit anderen dafür kämpfte gegen alle Widerstände, dass im Grundgesetz in § 3 schließlich der Satz steht: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“, und damit die Gleichberechtigung verfassungsmäßig verankert wurde.

II.

Ich bin groß geworden in einem Jahrhundert, in dem viele Frauenrechte erstritten wurden und die Frauenbewegungen ganz neue (Lebens-)Geschichten kreierten.

Ich konnte Ausbildung und Beruf frei wählen. Ich wollte Theologie studieren und Pfarrerin werden, obwohl ich damals keine Pfarrerin kannte. Meine Eltern haben mich dabei gefördert und unterstützt. Und die EKKW hatte ein paar Jahre zuvor die Gleichstellung von Pfarrer und Pfarrrerinnen auch rechtlich vollzogen.

Für meine Auseinandersetzung mit Theologie und der Rede von Gott, und mit der Rolle als Pfarrerin war ein anderer Fadenstrang noch von großer Bedeutung. Die Entwicklung der Feministischen Theologie. Frauen wie z.B. Elisabeth Moltmann-Wendel, Dorothee Sölle, Luise Schottroff, Elisabeth Schüssler-Fiorenza begeisterten mich mit ihren theologischen Gedanken, Bibelaus¬legungen, politischen Reflexionen und Visionen einer gerechten und herrschaftsfreien Welt.

Mir hat dies ermöglicht, meinen eigenen Weg als Diakoniepfarrerin bewusst zu gehen. Wie wichtig waren für mich das Netzwerk und Unterstützungs¬system der Theologinnen, der Theologinnenkonvent, die Tagungen mit befreiungstheologischen und feministischen Inhalten. Diskussionen und Aktionen und die immer wieder neu zu fordernden gleichen Chancen, auch Frauen endlich in Leitungsämtern einzusetzen. Es war eine besondere Zeit des Aufbruchs und der Inspiration. Das Thema Frauen und Führung hat mich in meinen unterschiedlichen beruflichen Kontexten beschäftigt – als Diakoniepfarrerin und Geschäftsführerin, als Organisations¬beraterin und Supervisorin. Wie können Frauen bestärkt werden, wie führen sie und wie kommen sie überhaupt in Führungspositionen.

III.

Aber auch wenn heute vieles erreicht ist, so müssen wir den roten Faden weiter spinnen – egal ob frau nun 65 ist oder 33.

Dafür gibt es noch zu viel Ungleichheit und Ziele, die noch nicht erreicht sind. Es geht immer noch darum, das Zusammenleben menschlicher zu gestalten.

Die Stimme der Frauen ist heute ebenso wichtig wie vor hundert Jahren, um ihre Interessen zu vertreten, ihre Macht für ein besseres Leben einzusetzen und solidarische Beziehungen zu weben.

Darüber hinaus geht es aber auch immer wieder darum, zu feiern und zu erzählen, sich zu stärken und zu vergewissern. 100 Jahre Frauenwahlrecht ist dafür ein wunderbarer Anlass.


Über die Autorin

Jutta Preiß-Völker war von 1980 bis 2016 Diakoniepfarrerin und Geschäftsführerin des Zweckverbandes für Diakonie in den Kirchenkreisen Hersfeld und Rotenburg. Seit Juni 2016 im Ruhestand.

Sie hat als erste Pfarrerin der EKKW die Ausbildung zur Gemeinde- und Organisationsberaterin bei der Gemeindeberatung der EKHN gemacht und ist seitdem beim Institut für Personalberatung, Organisationsentwicklung und Supervision (IPOS) als freie Mitarbeiterin tätig, auch mehrere Jahre als Mentorin in der Ausbildung für Organisationsberater*innen. Außerdem ist sie Dipl.-Supervisorin.


Medientipp im Spiegel: Neuseeland – Abgeordnete setzen Zeichen für Gleichberechtigung

113 Jahr nach der Einführung des Wahlrechts für Frauen hat sich die neuseeländische Politik verändert – aus dem damaligen Männerklub ist eine Frauenrunde geworden – immerhin auf einem Foto. Die Abgeordneten haben ein Bild des Parlaments von 1905 nachgestellt. Doch während auf dem ursprünglichen Bild von damals nur Männer zu sehen sind, haben sich heute Politikerinnen versammelt. Der Spiegel berichtet  am 19.09.2018 über die ungewöhnliche Aktion und Hintergründe zur Situation von Frauen in der neuseeländischen Politik in einem Beitrag.

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