#47 – Helga Lukoschat: 100 Jahre Frauenwahlrecht – Manches geht eben doch voran!

Helga Lukoschat, EAF Berlin

100 Jahre Frauenwahlrecht – dieses Jubiläum hat für mich politisch, beruflich und wie auch ganz persönlich besondere Bedeutung.

Politisch: das Frauenwahlrecht ist ein Meilenstein in der Geschichte unserer Demokratie. Das Recht zu wählen und gewählt zu werden, also eine Citoyenne im besten Sinn des Wortes zu sein, wurde gegen harten Widerstand erkämpft und erstritten. Die Frauen der deutschen Frauenstimmrechtsbewegung waren vielleicht nicht so militant wie die englischen Suffragetten, doch am Ende nicht minder mutig und radikal.

Die Erinnerung daran ist auch für die heutige Situation lehrreich. Es geht nicht nur darum, die Vorkämpferinnen zu würdigen, sondern uns auch zu fragen: Wo stehen wir heute? Denn noch immer sind Frauen in den deutschen Parlamenten nicht gleichberechtigt vertreten. Überall waren und sind Männer in der Mehrheit. Und jüngst ist der Anteil der weiblichen Abgeordneten sogar zurückgegangen, nicht zuletzt, weil die AfD in viele Parlamente eingezogen ist. Geschichte ist keine Rolltreppe – es geht eben nicht von selbst immer nur „aufwärts“. Deshalb ist es höchste Zeit, dass wir uns parteiübergreifend für Parität von Frauen und Männern in der Politik einsetzen.

Unterrepräsentanz von Frauen hat viele Ursachen

Die Unterrepräsentanz von Frauen hat viele Ursachen: tradierte Geschlechterrollen und männlich dominierte Parteikulturen sind ebenso hinderlich wie der Mangel an Zeit für das politische (Ehren)Amt, der besonders Frauen zu schaffen macht. Hier gilt es auf verschiedenen Ebenen anzusetzen: an der Ermutigung und Vernetzung von Frauen wie auch an einer Arbeitszeit- und Sozialpolitik, die es möglich macht sich zusätzlich zu Beruf und Familie auch politisch zu engagieren.

Demokratische Parteien sind gefordert

Doch gleichermaßen sind verbindliche gesetzliche Vorgaben notwendig. Die Parteien müssen sich endlich ernsthaft damit auseinandersetzen, wen sie künftig als Vertreterinnen und Vertreter des ganzen Volkes, wie es im Grundgesetz heißt, in die Parlamente schicken. Wir brauchen Frauen und Männer mit unterschiedlichen kulturellen oder religiösen Hintergründen, aus unterschiedlichen Berufen und Bildungsschichten und unterschiedlichen Alters in der Politik. Gerade auch um der populistischen Kritik an der repräsentativen Demokratie den Wind aus den Segeln zu nehmen, sind die demokratischen Parteien mehr denn je gefordert eine Kultur der Vielfalt zu entwickeln.

Beruflich, als Vorsitzende der EAF Berlin, beschäftigt uns das Jubiläum gleichfalls So koordinieren die EAF für das Bundesfamilien- und Frauenministerium die Kampagne zu 100 Jahre Frauenwahlrecht unter dem Motto: „Streiten für gleiche Rechte – wofür streitest Du?“

Doch auch persönlich berührt mich das Jubiläum: ich hatte als junge Studentin das Glück, die ersten Seminare zur feministischen Geschichtsforschung zu besuchen. Unter anderem entzifferte ich mühsam in den Archiven die Sütterlin-Handschriften von Frauenrechtlerinnen des 19. Jahrhunderts. Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass diese mutigen, damals fast vergessenen Frauen heute offiziell durch die Bundesregierung gewürdigt werden würden.

Manches geht eben doch voran!


Über die Autorin

Dr. Helga Lukoschat ist Mitbegründerin und seit 2009 Vorsitzende der EAF Berlin, einer unabhängigen und unabhängigen Forschungs-, Beratungs- und Bildungsreinrichtung zu Chancengleichheit und Vielfalt. Sie studierte Politikwissenschaften, Germanistik und Geschichte in Erlangen und Berlin und startete ihre berufliche Laufbahn als Redakteurin der tageszeitung.

 

Bild: EAF Berlin

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