#46 – Deborah Tal-Rüttger: 100 Jahre Frauenwahlrecht

DEBORAH TAL-RÜTTGER

Passives und aktives Wahlrecht haben wir schon. Die Gleichberechtigung ist im Gesetz verankert, aber es existiert keine vollständige, und damit selbstverständliche, Gleichberechtigung.

Ein Bisschen Statistik über Frauen (circa Prozentzahlen)

  • 9% der BürgermeisterInnen
  • 11% der C4-Professuren
  • 18% in den Aufsichtsräten
  • 30% der SeelsorgerInnen
  • 1% der Generäle
  • 22% der Filmregisseure

Interessanterweise können wir deutlich zwischen Haupt- und Ehrenamt unterscheiden: Im Hauptamt, in dem Bezahlung für die Tätigkeit erfolgt, gibt es weniger Frauen als Männer während im Ehrenamt wir Frauen die Mehrheit bilden.

Das ist besonders auffallend in der Kirche und in der Synagoge. Die drei Religionen – Judentum, Christentum und Islam – waren (und zum Teil sind noch) patriarchalisch. Es waren Männer, welche die Hebräische Bibel (bei den Christen Alte Testament genannt) geschrieben haben. Dasselbe gilt für den christlichen Teil der Bibel, das Neue Testament, und für den Koran. Kein Wunder, dass die Frauen in all den heiligen Schriften aus Sicht der patriarchalischen Männer vorkommen. Diese Sichtweise übertrug sich auf das gesamte Denken der Mächtigen. Frauen wurden nur dann Herrscherinnen, wenn keine Männer als Herrscher vorhanden waren. Und doch, ganz verschweigen konnte man die Existenz von außergewöhnlichen Frauen auch in diesen extrem männlich geprägten Schriften nicht.

Frauen gehören von Anfang an dazu

Altes Testament

Da war zum Beispiel Miriam, die Schwester Moses: Als junges Mädchen ergreift sie die Initiative und rettet ihren Bruder, der als Baby von den Ägyptern getötet werden sollte. Mutig spricht Miriam die ägyptische Prinzessin, die Moses in der Holzschale gefunden hat, am Nilufer an und schlägt ihre Mutter als Amme für das Baby vor. Beim Auszug aus Ägypten wird sie „Prophetin“ genannt. Das Volk liebt sie; sie begleitet Moses und Aaron in all ihrem Tun. Nach dem Überqueren des geteilten Meeres, tanzt und singt sie mit den Frauen zur Ehre Gottes. Als Gott sie bestraft und ihre Haut weiß werden lässt, muss sie eine Woche abseits des Lagers warten, bis sie wieder rein ist. Das Volk wartet mit; es will nicht ohne Miriam weitergehen.

Auch Deborah war in ihrer patriarchalischen Gesellschaft ungewöhnlich: Es gibt in der Bibel nur drei Frauen, die Prophetinnen genannt werden: Miriam, Hulda und Deborah. Wie Miriam hat auch Deborah ein Lied hinterlassen. Doch Deborah war die einzige Stammesführerin zur Zeit der Richter. Mit ihrem Partner Barak führte sie die Hebräer im Kampf gegen die Übermacht der Kanaaniter an und gewann.

Talmud

Aus dem Talmud kennen wir Berurja: Berurja lebte zu Beginn des 2. Jahrhunderts in Tiberias. Berurja war eine Gesetzeslehrerin, d.h., sie hatte in der Religionsschule Schüler und lehrte auch bekannte Weisen und Rabbiner. Sie hatte ein phänomenales Gedächtnis und war scharfsinnig. In schwierigen Diskussionen über Themen der Bibel wurde sie als Autorität herangezogen.

Neues Testament

Im Neuen Testament wird Martha erwähnt: Als Marthas Bruder Lazarus stirbt und Jesus „zu spät“ kommt, trifft ihn Martha zunächst allein und macht ihm Vorwürfe. Sie beginnt ein Glaubensgespräch mit Jesus zu führen und ringt mit Gott um ihren Bruder. Jesus sagt „Ich bin die Auferstehung und das Leben…“ Und Martha antwortet mit einem Christusbekenntnis: „Du bist Christus, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist.“ Man kennt dieses Bekenntnis von Petrus, doch bei Johannes ist es eine Frau, die das Christusbekenntnis aufsagt.

Koran

Im Koran lesen wir über Khadischa, die erste Ehefrau Muhammeds: Khadischa war als reiche Geschäftsfrau sehr angesehen in Mekka. Bevor sie Muhammeds Frau wurde, war sie zwei Mal verheiratet gewesen und hatte zwei Kinder. Khadija ermöglichte Mohammeds, sich in den drei Jahren vor seiner Berufung immer wieder zurückzuziehen, um zu meditieren und unterstützte ihn jederzeit. Die erste Offenbarung erschütterte ihn – sie unterstützte ihn moralisch. Am Morgen nach ihrer Rückkehr von dort, erhielt er die zweite Offenbarung, und Khadija nahm als erste Muslima den Islam an.

Meine persönliche Heldin: Dona Gracia Nassi – Mendes

Dona Gracia Nassi – Mendes lebte in Portugal im 16. Jahrhundert. Mit 27 Jahre starb ihr Mann, und einige Jahre später starb auch ihr Schwager. Dona Gracia erbte das Geschäft der Mendes. Sie war äußerst geschäftstüchtig und vermehrte ihr Vermögen. Obwohl sie von Portugal nach Antwerpen, Venedig und der Türkei fliehen musste, war sie überall auch als Mäzenin tätig, sorgte für die erste Übersetzung der Bibel ins Spanische – die Ferrara-Bibel. Sie half Juden vor der Verfolgung durch die Inquisition zu fliehen und brachte sie in Sicherheit. 1558 oder 1559 erwarb Dona Gracia Nassi ein Anwesen in der Stadt Tiberias am See Genezareth und gründete eine jüdische Siedlung mit einer Religionsschule, eine Jeschiwa.

Frauenwahlrecht: ein Kind des 20. Jahrhunderts

Genauer: es wurde erst gewährt, als sich die europäische Gesellschaft in einem unglaublichen Umbruch befand, nämlich nach dem Ersten Weltkrieg. Millionen kamen in diesem Krieg um, waren so schwer verwundet, dass sie körperlich oder seelisch behindert blieben. Alle alten Werte und Regierungsformen verpufften, weil sie nachweislich in jenem Krieg nicht funktionierten. Die Wirtschaft war durch den Krieg völlig ruiniert und damit herrschten Massenarbeitslosigkeit und Armut, welche die traumatisierte Bevölkerung noch mehr lähmte.

Das Neue – Kommunismus in Russland, Nationalstaaten in ganz Europa, Trennung von Kirche und Staat auch dort, wo sie vor dem Ersten Weltkrieg noch gab -verunsicherte die Menschen zusätzlich. So konnte die Forderung der Frauen nach dem Wahlrecht durchgesetzt werden. Der Widerstand alles Herkömmliche war zusammengebrochen.

Die Feministinnen und die Männer, welche sie unterstützten, glaubten sich am Ziel. Mit dem Wahlrecht kommt die Gleichberechtigung, dachten sie. Die Menschheit wird als Ganzes nun handeln; nicht nur die männliche Hälfte wird das Leben prägen. Wie naiv von uns! Wir wollten das so sehr, und dieser Zustand ist auch derart logisch, dass wir völlig außer Acht ließen, dass Strukturen, welche Jahrtausende existierten, nicht so schnell, und schon gar nicht per Gesetz, sich ändern.

Mann und Frau – wirklich gleichberechtigte Partner?

Meine Eltern führten eine echte gleichberechtigte Ehe: Beide waren berufstätig, beide führten den Haushalt, kochten, kümmerten sich um mich und meinem Bruder gleich viel. Wie überrascht war ich, als ich entdecken musste, dass es bei den Eltern meiner Freunde und Freundinnen nicht so war. Die Ungleichheit zwischen Mann und Frau war doch etwas, das der Vergangenheit angehörte: so wie es keine absoluten Monarchien mehr gab, so wie Burgen und Schlösser nicht mehr typische Gebäude für Regierungen waren. (Ja, auch da habe ich mich geirrt. Man muss nur die Paläste anschauen, welche Putin, Erdogan und Nijasow aus Turkmenistan gebaut haben.)

Als junge Frau dachte ich, bei mir stimme etwas nicht. Junge Männer, die in mich verliebt waren und / oder ich in ihnen, spielten eine ganze andere männliche Figur als ich erwartet hatte. Sie liebten mich, wollten aber bestimmen, was in unserer Beziehung und später in meiner ersten Ehe geschieht. Die liebsten Partner waren schlussendlich doch kleine Machos, ergo musste etwas bei mir nicht stimmen. Nach meiner Scheidung habe ich zwei Entscheidungen getroffen. Erstens, werde ich nicht wieder heiraten. Der emanzipierte Mann, den ich mir wünschte, gab es noch nicht. Zweitens, werde ich meinen Sohn zur Emanzipation der Frauen und somit zur Gleichberechtigung von Mann und Frau erziehen.

Ich vermute, dass viele junge Frauen ähnlich denken: Bei mir stimmte etwas nicht, weil ich die erwartete Rolle als Frau in meiner Gesellschaft nicht erfüllen kann noch will. Wie unglaublich erleichtert war ich, als ich in den 70ger Jahren mich der Frauenbewegung angeschlossen hatte! Siehe da, es gab viele Frauen, die so dachten wie ich. Es stimmte doch alles mit mir – und mit diesen Feministinnen.

Heute, 40 Jahre später, stelle ich fest: Es gibt noch sehr viel zu tun

So ist der Begriff Feminismus heute verpönt. Die meisten Frauen betrachten das, was erreicht wurde, als selbstverständlich und natürlich. Damit haben sie ironischerweise recht. Sie irren sich nur darin, dass sie meinen diese Errungenschaften müsse man nicht verteidigen; sie sind ja vorhanden. Und sie meinen, mehr kann, muss oder soll nicht gefordert werden. Wie sonst kann man Frauen verstehen, die gegen die Frauenquote im Beruf sind, aber als ganz normal eine faktische Männerquote hinnehmen? Wie sonst kann man die MeToo Debatte erklären, bei der erst 2018 Frauen den Mut gefunden haben, sich gegen sexuelle Belästigungen und Vergewaltigungen vorzugehen?

  • Warum sind die meisten Kindergarten- und Grundschullehrkräfte weiblich?
  • Warum gibt es keine katholischen Priesterinnen, Päpstinnen oder sonstige weiblichen Würdenträger?
  • Warum gibt es keine Rabbinerinnen, Kantorinnen usw. bei den orthodoxen Juden?
  • Warum gibt es keine Imaminnen?
  • Warum gibt es so wenige weibliche Führungskräfte in der Wirtschaft und in der Politik. (Wobei es mehr Frauen in Führungspositionen in der Politik als in der Wirtschaft gibt.)
  • Warum bekommen Frauen bei gleicher Qualifikation und für gleicher Arbeit weniger Gehalt als Männer?
  • Warum sind sogar die relativ wenige historischen Frauen in der Wissenschaft, der Musik, der Literatur, der Kunst, der Philosophie, der Medizin usw. kaum bekannt?
  • Warum werden unsere Kinder immer noch mehrheitlich in vermeintlich männlichen oder weiblichen Berufen geführt?

Beispiel aus meinem Judentum

Ich bin in Israel aufgewachsen. Meine Mutter war moderat gläubig; mein Vater war Atheist. Damals war das Reformjudentum in Israel fast unbekannt. Wenn man religiös leben wollte, war man orthodox. Es gab eigentlich die Bezeichnung ‚orthodox‘ gar nicht. Man war religiös oder areligiös, säkular. Mir waren die Orthodoxen zuwider, hauptsächlich was die Rolle der Frauen betrifft. Also lehnte ich die Religion, in meinem Fall: das Judentum, ab.

Erst mit etwa 40 Jahren fand ich den Weg in meine Religion. Das Reformjudentum, indem die Gleichberechtigung selbstverständlich ist, wurde meine geistige und seelische Heimat. Je mehr ich über das Judentum lerne, desto wütender werde ich über die Orthodoxie, wie sie in Israel praktiziert wird. Diese Art von Judentum hält unzählige jungen Juden vom Judentum fern. So bleibt ihnen (und blieb mir) ein riesiger Schatz an Weisheiten, Philosophie, Gottesnähe, Gebete, Literatur und mehr verborgen. Ich habe all das erst mit 40 Jahren entdeckt.

Fazit

Es ist die Aufgabe eines jeden Menschen – ob Mann oder Frau – für echte Gleichberechtigung zu sorgen. Zu allererst in der Erziehung der Kinder, welche die künftige Gesellschaft lenken und prägen werden. Gleichzeitig müssen wir den politischen und gesetzlichen Rahmen einfordern, welcher dieses Ziel möglich machen wird. Wir Frauen müssen die Vorreiterinnen sein. Wir sollen nicht warten bis die Männer einsehen, dass eine gleichberechtigte Gesellschaft allen zu Gute kommt, auch den Männern.


Über die Autorin

Deborah Tal-Rüttger, geboren in Israel zu deutsch-jüdischen Eltern, lebt seit 1975 in Deutschland. Sie ist stellvertretende Vorsitzende der Union progressiver Juden in Deutschland (UPJ) K.d.Ö.R.

Die studierte Lehrerin ist für Liturgie und Bildung sowie Betreuung von kleinen Gemeinden in der UPJ zuständig. Frau Tal-Rüttger ist verheiratet, hat einen Sohn und vier Enkelkinder und lebt in Nordhessen.

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