#44 – Hilal Akdeniz: Ich wähle, also bin ich….

Hilal Akdeniz

Nicht ohne Grund ist das Recht der Wahl, eines der elementarsten Selbstbestimmungsrechte. Es ist zunächst der Zugang der gleichberechtigten Teilhabe am gesellschaftlichen Entscheid der politischen Verwaltung. Ebenso ist es ein juristischer gemeinsamer Nenner aller Berechtigten, die als Wähler ihre Belange und Forderungen offenlegen können. Die Wahlberechtigung ist die Akzeptanz der Meinungskundgebung im öffentlichen Raum- selbst wenn der Akt der Wahl im Grunde genommen geheim ist! Sie ist ein Privileg, die die Berechtigten in ihrer Stellung von jenen ohne Privileg unterscheidet.

Am 12. November 2018 haben nun auch Frauen seit 100 Jahren dieses elementare Recht. 100 Jahre sind, in Relation zu Innovation und Entwicklung in Wissenschaft und Forschung, sehr jung! Im Gegenzug dazu sind der Stand der Etablierung und Wahrnehmung des Frauenwahlrechts in Kombination mit Frauenrechten exponentiell gültig und präsent. Sicherlich sind wir noch lange nicht am Ziel angekommen und es gibt selbst im europäischen Kontext noch sehr, sehr viel Handlungsbedarf. Dennoch kann man mit Sicherheit sagen, dass der entscheidende erste Schritt mit dem Wahlrecht der Frauen begonnen hat.

Herausforderungen der heutigen Gesellschaft nicht unterschätzen

Ohne die Errungenschaften der vergangenen 100 Jahre klein zu reden und ohne die Frauen und die Leistung, die hinter dieser immensen Bewegung stehen zu missachten, müssen wir heute anfangen das Recht der Wahl zu modifizieren, auch anders zu betrachten und insbesondere uns vielfältig und -schichtig damit auseinanderzusetzen. Die Herausforderungen mit denen wir tagtäglich in unseren modernen, globalen und fluiden Gesellschaften auseinandersetzen dürfen nicht unterschätzt werden. Es sind Herausforderungen wie zum Beispiel der Spagat, der sich salopp „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ nennt, die Frauenquote, Gender Pay Gap, Altersarmut von Frauen, Sexismus, Diskriminierung, Rassismus und noch viele andere. Also reicht uns heute das Recht der Möglichkeit eines periodischen Gangs zur Urne längst nicht mehr. Schon gar nicht für jene unter uns, die, wenn man so sagen darf, jetzt neu „mitmischen“ da sie aufgrund ihres Migrationshintergrunds noch nicht lange „hier“ sind und oder aufgrund ihrer privaten, religiösen, sexuellen Orientierung „anders“ sind. Gerade jene sind es, die mittels intersektioneller Diskriminierung keine faire Teilhabemöglichkeit haben frei über ihr Leben, ihren Beruf oder ihre Stellung und Wirkungsmöglichkeit in unserer Gesellschaft wählen zu dürfen. Sie werden, behaftet von Stigmata, Ausgrenzungsmechanismen ausgesetzt und müssen ein, nicht von ihnen selbst erwähltes Leben leben.

Horizonte müssen erweitert werden

In Anbetracht der globalen Vernetzung und der präsenten Transnationalität dürfte die Forderung nach Weltoffenheit, Empathie, freie Wählbarkeit von individuellen Lebensentwürfen im Grunde genommen keine Herausforderung sein. Wenn man sich die Zahlen der psychischen Krankheiten, der Selbstmordraten, hatespeech Kommentare und rassistische Übergriffe anschaut, dann weiß man mit Sicherheit, dass „Herausforderung“ das ganze Ausmaß nicht im geringsten erfasst. Die Horizonte müssen erweitert werden. Es muss mehr Raum geschaffen werden, für all jene guten Projekte und Ideen in dem Bereich der freien Wahl. Es bedarf definitiv mehr an solidarischer Zuwendung der einzelnen Gesellschaftsmitglieder, insbesondere der weiblichen Solidarisierung. Denn wenn man sich gerade in Bezug auf Emanzipation und weiblicher Selbstverwirklichung die Aktionsformate anschaut, dann merkt man einen Mainstream, eine vereinheitlichte Wahlfreiheit. Dieses Verständnis von Feminismus ist allerdings nicht inkludierend. Er versucht lediglich „under western eyes“ (C. Mohanty) alles unter eine Schablone zu pressen, wobei soviel verloren und kaputt geht. Es werden also all jene, die nicht unter diese Schablone passen selektiert. Wir müssen uns heute mit der Idee anfreunden, dass eine Anerkennung von unterschiedlichen Möglichkeiten der Selbstverwirklichung und Emanzipation möglich ist, ohne eine automatische Wertigkeit mit sich zu bringen. Die Wählbarkeit dieser diversen Zugänge muss frei sein.

Dass auch dieser Wunsch, ähnlich wie das eigentliche Wahlrecht, für manche als Utopie, Gutgläubigkeit und Naivität bewertet wird, sollte definitiv kein Grund sein, sich von der Idee abzuwenden. Nein! Vielmehr sollte man immer vor Augen haben, dass gerade der Mut und die Stetigkeit der Frauen, die an die Möglichkeit des Wahlrechts, auch für ihr Geschlecht, geglaubt haben, uns allen dieses Grundrecht ermöglicht haben. Tagtäglich stehen wir vor unzähligen Wahloptionen. Solange wir jene frei entscheiden können, sind wir…


Über die Autorin

Hilal Akdeniz, ist 1979 in Augsburger geboren. Sie studiert im Masterstudiengang Soziologie an der Goethe Universität in Frankfurt. Als Referentin engagiert sie sich für Themen wie interreligiöser Dialog, Gender im Islam und Flucht. Sie ist verheiratet und Mutter von zwei Töchtern.

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