#43 – Elke Hannack: Gewerkschaften – ein Frauennetzwerk!?

Elke Hannack

Vor kurzem wurde ich von einer jungen Frau gefragt, wofür Gewerkschaften heute eigentlich noch stehen. Meine Antwort war klar: Für Solidarität. Für eine feste Gemeinschaft. Für gegenseitige Unterstützung. Für eine bessere Arbeitswelt. Für Frauenrechte. Für mich ist klar: Daran hat sich in letzter Zeit nicht viel geändert! Im Gegenteil: Unsere Werte haben angesichts der zunehmenden Individualisierung unserer Gesellschaft an Bedeutung gewonnen. Mein Gegenüber erkundigte sich prompt, ob Gewerkschaften also eine Art Netzwerk für Frauen im Arbeitsleben seien?! Ja, wenn man so will, hat sich inzwischen also doch etwas verändert: Was wir machen – und schon immer gemacht haben – heißt jetzt NETZWERKEN.

Mit mehr als zwei Millionen Frauen in unseren acht Mitgliedsgewerkschaften unter dem Dach des Deutschen Gewerkschaftsbundes sind wir sogar ein recht großes Frauennetzwerk. Wichtig für uns ist das persönliche Netzwerken in der Kantine, im gemeinsamen Büro oder auf dem Pausenhof. Der Arbeitsort ist für uns immer noch zentraler Begegnungsort. Hier treffen Frauen aufeinander, sie tauschen sich aus. Über die knappe Zeit nach der Arbeit, die Teambesprechung um 18 Uhr, bei der es auch oft um das Runde und das Eckige geht. Hier erfahren Frauen, dass sie nicht allein sind mit den vielen Herausforderungen, die Leben und Arbeiten mit sich bringen. Sie entwickeln Gegenstrategien. Sie stärken sich. Und Gewerkschaften unterstützen sie dabei. Sie bieten Raum. Und sie reden mit. Persönlich und im Netz. Und da wo Frauen auf sich allein gestellt sind, bringen Gewerkschaften sie zusammen und ermöglichen Austausch. Warum aber ist das so wichtig? Der Blick in die Vergangenheit zeigt‘s.

Ein Netzwerk für das Frauenwahlrecht

Siebzig Jahre hatte die Arbeiterinnenbewegung bereits für ihre Rechte gekämpft, als der Rat der Volksbeauftragten im November 1918 mit seinem Aufruf „An das Deutsche Volk“ dafür sorgte, dass Frauen in Deutschland erstmals das aktive und passive Wahlrecht erhielten. Bedeutende Vorkämpferinnen waren Emma Ihrer, Helene Grünberg und Wilhelmine Kähler. Sie alle sahen im Wahlrecht das geeignete Mittel, Einfluss auf die Gesetzgebung zu nehmen. Mit einem klaren Ziel vor Augen: Endlich ihre sozialen Rechte durchsetzen zu können. Aber sie kämpften nicht allein! Bereits 1911 fanden in großer Zahl Demonstrationsversammlungen für das allgemeine Frauenwahlrecht statt. Namhafte Vertreterinnen und Vertreter der Gewerkschaftsspitzen waren als Rednerinnen und Redner im Einsatz. Auch hier: Ein Netzwerk für das Frauenwahlrecht.

Frauen brauchen verlässliche Verbündete

Die letzten hundert Jahre haben gezeigt: Frauen brauchen bei allem, was sie fordern, verlässliche Verbündete. Sie brauchten ein starkes Netzwerk, um sich in den männlich geprägten Strukturen durchzusetzen für ein selbstbestimmtes Leben in wirtschaftlicher Unabhängigkeit. Und auch das hat sich nicht verändert: Das deutsche Parlament ist so männlich wie seit zwanzig Jahren nicht mehr. Und Rechtspopulisten, mit ihrem rückwärtsgewandten Frauenbild und ihren Familienvorstellungen von gestern, wollen Frauen wieder in enge Schranken weisen. Wir Gewerkschaften stellen uns dem entschieden entgegen. Mit unseren Werten. Mit einem starken Netzwerk. Mit vielen Frauen im DGB. Und das gelingt umso besser, je mehr noch dazu kommen – denn: Gemeinsam sind wir stärker!


Über die Autorin

Elke Hannack ist stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Schwerpunktmäßig kümmert sie sich um

  • Beamte und Öffentlicher Dienst
  • Frauen und Gleichstellungspolitik
  • Jugend und Jugendpolitik
  • Bildungspolitik und Bildungsarbeit
  • Projekt Vereinbarkeit von Familie und Beruf
  • Projekt „Was verdient die Frau? Wirtschaftliche Unabhängigkeit!“

Foto: DGB

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