#41 – Dr. Barbara von Hindenburg: Einführung des Frauenwahlrechts – ein bedeutender Meilenstein

Barbara von Hindenburg

An einem Sommerabend im August 2018 nahm ich an der Eröffnung der Sonderausstellung zu 100 Jahren Frauenwahlrecht im Historischen Museum Frankfurt teil. Am späten Abend fuhr ich mit dem Fahrrad zurück zu meinem Quartier. Und fuhr und fuhr und merkte gar nicht, dass ich längst die richtige Straße verpasst hatte. In Gedanken sann ich noch dem Eröffnungsabend nach und freute mich.

Als Historikerin habe ich Biographien der Abgeordneten des Preußischen Landtags in der Weimarer Republik erforscht – und damit auch die ersten Parlamentarierinnen. Soweit überhaupt ein politisches Engagement der Parlamentarierinnen vor 1918 nachzuweisen war, war es ein Einsatz in Frauenvereinen. Dies hatte auch gesetzliche Ursachen: Frauen durften dem Vereinsgesetz zufolge in Preußen bis 1908 gar nicht in politischen Vereinen, Verbänden, Parteien oder bei Versammlungen aktiv sein. Politische Versammlungen konnten von der Polizei aufgelöst werden, waren Frauen anwesend und kamen politische Themen zur Sprache. Und Frauen durften nicht öffentlich über politische Themen sprechen. 1908 konnten sie ihre politische Teilhabe erweitern und seit 1918 konnten sie schließlich wählen und sich wählen lassen.

In vielen Gesprächen über das Frauenwahlrecht, stellte ich fest, dass die wenigsten wussten, wann es eingeführt wurde – ein Verbot der politischen Betätigung von Frauen war ihnen schon gar nicht bekannt. In der Schule hatten wir über die Einführung des allgemeinen Wahlrechts für den Reichstag 1871 gesprochen – ohne Erwähnung, dass dies ein Männerwahlrecht war. Immerhin kam meine Tochter vor kurzem grinsend von der Schule nach Hause und sagte, sie müsste für eine Hausaufgabe in Geschichte nachschauen, wann das Frauenwahlrecht eingeführt wurde. Das Wahlrecht mit dem 18. Geburtstag zu erlangen, empfand ich zwar als ein Privileg, aber weil ich in einem demokratischen Staat lebte, nicht, weil ich es „als Frau“ innehatte.

Einführung des Frauenwahlrechts – ein bedeutender Meilenstein

Die Ausstellung zu 100 Jahren Frauenwahlrecht im Historischen Museum in Frankfurt und viele andere Aktionen in diesem und dem folgenden Jahr zeigen, dass die Einführung des Frauenwahlrechts ein bedeutender Meilenstein in unserer jüngeren Geschichte war – ein Meilenstein der Demokratie. Die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung erlangte das Wahlrecht! Und es erfüllte mich an dem Eröffnungsabend mit innerer Freude, dass dies mit der Ausstellung und anderen Feiern auch als solches wahrgenommen wurde.

Viele Aktivistinnen und spätere Parlamentarierinnen kämpften mit Mut, Beharrlichkeit und Kreativität für die Erweiterung ihrer Rechte – auch für die Einführung des Frauenwahlrechts. Sie haben sich für Frauenrechte eingesetzt und sich als Kandidatinnen aufstellen lassen, als dies keine Selbstverständlichkeit war und sie viel Gegenwind erfahren mussten. Bundesministerin Franziska Giffey sagte bei der Eröffnung der Ausstellung in Frankfurt: „Penetranz schafft Akzeptanz!“ Ja, diese Parlamentarierinnen mussten vielen gewaltig auf die Nerven gehen, um ihre Rechte durchzusetzen – und es ist ihnen gelungen. Dass mit dem Frauenwahlrecht noch nicht die Gleichberechtigung durchgesetzt war, war auch den meisten Aktivistinnen bewusst.

So vieles wäre nicht oder erst viel später erreicht worden ohne ihren Einsatz. Bei manchen Herausforderungen, bei denen ich zögerte, dachte ich an den Einsatz dieser Frauen und gab mir einen Schubs. Selbstverständlich gab es auch unter diesen Aktivistinnen Frauen, die andere vom Wahlrecht ausschließen wollten oder die nationalistische, rassistische und undemokratische Ideen vertraten – wie viele Zeitgenossen damals auch.

Zugleich mit den Feiern wurde ein großes Projekt realisiert, um die Geschichte der Frauenbewegungen stärker in unserem historischen Gedächtnis zu verankern. Auch unsere politische Geschichte wurde nicht nur von Männern geschrieben, aber kaum einer oder eine wird ihnen Namen großer Vorkämpferinnen wie Jenny Apolant nennen können. Bestände aus vielen Frauenarchiven in der Bundesrepublik wurden digitalisiert und Mitte September – gemeinsam mit einleitenden Aufsätzen – zur freien Recherche online gestellt im digitalen deutschen Frauenarchiv.

Meilenstein Frauenwahlrecht – vor allem von Frauen gefeiert

Der Meilenstein Frauenwahlrecht wird vornehmlich von Frauen gefeiert – wie es auch schon 1918/19 der Fall war. Viele Männer gingen damals in ihren Parlamentsreden gar nicht oder kaum auf die Einführung des Frauenwahlrechts ein. Frauen kämpften hart und oft erfolglos um ihre Aufstellung als Wahlkandidatinnen auf vorderen Listenplätzen. Die Einführung des Wahlrechts und das Recht öffentliche Ämter auszuüben, bedeutete, dass Frauen beispielsweise in Kommunen soziale Aufgaben nicht nur zusätzlich zu Männern wahrnahmen. Jede Frau auf einem Listenplatz bei Wahlen war ein Mann weniger auf der Liste, und jede Frau in einem öffentlichen Amt – handelte es sich nicht um ein ‚Frauenreferat‘ – bedeutete eine Stelle weniger für einen Mann. Es begann damit auch eine Umverteilung, die eine Abgabe von männlichen Privilegien nach sich ziehen musste.

Debatten dauern bis heute an

Diese geschah meist nicht freiwillig und wurde zu einem Machtkampf. Dieser Kampf dauert bis heute an – im Bundestag sind derzeit 30 % weibliche Abgeordnete, nur 20 % mehr als in der Nationalversammlung vor 99 Jahren… Wenn Männer sich bei diesen Feiern in der Gesellschaft von so vielen Frauen vielleicht etwas fremd fühlen, dann könnten sie dies als guten Anlass nehmen, sich die Erfahrung von vielen Frauen in der Politik bewusst zu machen. Vielleicht denken auch einige Männer, es geht sie nichts an – es betrifft ja die Frauen. Aber es sollte in einer Demokratie von allen gefeiert werden, dass die Teilhabe an politischen Prozessen und Entscheidungen für die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung damals rechtlich möglich wurde. Die politische Teilhabe zu ermöglichen ist ein langer Prozess, und sie muss eines unserer Grundprinzipien sein – unabhängig vom Geschlecht. Wir sollten uns immer wieder klarmachen, dass sie keine Selbstverständlichkeit ist.

Bildcredit: Tanja Fügener, Berlin


Über die Autorin

Dr. Barbara von Hindenburg, geb. Wedding, studierte Geschichte, Politik- und Literaturwissenschaften. Sie war lange Jahre leitende wissenschaftliche Mitarbeiterin in einem Forschungsprojekt an der Freien Universität Berlin. 2017 veröffentlichte sie eine biographische Analyse und ein biographisches Handbuch über 1.400 Abgeordnete des Preußischen Landtags 1919–1933 in vier Bänden. Sie arbeitet als freie Historikerin und Publizistin und hält Vorträge mit den Forschungsschwerpunkten 19. und 20. Jahrhundert, neue Politikgeschichte, Biographieforschung sowie Frauen- und Geschlechtergeschichte.

Zur Studie „Die Abgeordneten des Preußischen Landtag 1919 – 1930

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