#32 – Prof. Dr. Marianne Dierks: 100 Jahre Frauenwahlrecht

Prof.-Dr.-Marianne-Dierks

Neben der Verankerung der Gleichberechtigung von Mann und Frau in Art. 3 des Grundgesetzes im Jahr 1949

  • der Einführung der Geschäftsfähigkeit der Frau im Jahr 1962 bzw. 1969 für verheiratete Frauen
  • der Aufhebung des Einwilligungsrechtes von Ehemännern bei Aufnahme einer Berufstätigkeit der Ehefrau im Jahr 1977 und
  • dem Vergewaltigungsverbotes in der Ehe im Jahr 1997 (sic!)

ist die Einführung des Frauenwahlrechts 1918 zweifelsohne eine der zentralen rechtlichen Weichenstellungen im Prozess der Aufhebung weiblicher Diskriminierung in Deutschland. Die Einführung des aktiven und passiven Frauenwahlrechts ist deshalb so zentral für uns Frauen, weil damit die Reduzierung der Frau auf das „Private“ durchbrochen und die Teilhabe am „politisch“-öffentlichen Raum eröffnet wird. Dass diese rechtliche Ermöglichung nicht gleichzeitig und selbstverständlich die Beteiligung an der politischen Macht bedeutete bzw. bedeutet, ist eine Binsenweisheit. Jede Kommunalpolitikerin kann davon ein Lied singen.

Gleichwohl – bei allem noch nicht Erreichtem – die letzten 100 Jahre waren im Kampf um die Gleichberechtigung von Frau und Mann positiv – wir Frauen haben viel, sehr viel erreicht! Aktuell erleben wir, dass das liberale demokratische Gesellschaftsmodell in der Krise steckt. Es wird sich zeigen, ob diese Entwicklung dazu führen wird, dass wir gezwungen werden, dass bisher Erreichte zu verteidigen und zu erhalten. Falls notwendig werden wir genau das tun – da bin ich zuversichtlich. Aktuell geht es aus meiner Sicht darum, weiterhin sensibel zu bleiben für die zurzeit selbstverständlichen, alltäglichen Diskriminierungen, denen Frauen heute ausgesetzt sind.

Dabei sind aus meiner Sicht drei Problembereiche vordringlich:

  • Zum einen die notwendige Sensibilisierung für die Diskriminierungen in weiblich dominierten Berufsfeldern, die sich nicht ausschließlich durch eine nicht adäquate Entlohnung der Tätigkeiten ausdrückt, sondern die sich unter anderem auch durch erhöhte Krankheitsquoten der Beschäftigten Ausdruck verleiht.
  • Zum anderen sind die Anforderungen an die Erziehungsarbeit gestiegen (von der Anordnungs- zur Aushandlungspädagogik) und die Bedeutung der Eltern-Kind-Beziehung für das Gelingen der kindlichen Entwicklung auf wissenschaftlicher Ebene herausgearbeitet worden. Trotzdem fehlt es an gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zur befriedigenden Verknüpfung von beruflicher und familiärer Arbeit sowie dem Bemühen, reproduktiver Arbeit einen adäquaten Stellenwert einzuräumen. Mit Stichworten wie „Verringerung der häuslichen Lebensqualität“, „Verberuflichung der Lebensführung“, „Taylorisierung des Familienlebens“ wird versucht, die Situation zu beschreiben. Notwendig sind Impulse und Initiativen, die gesellschaftliche Rahmenbedingungen zur Bewältigung reproduktiver Arbeit sowie die Verknüpfung von beruflicher und familiärer Arbeit verbessern und die Bedeutung dieser Tätigkeit für Individuum und Gesellschaft verdeutlichen.
  • Dringend notwendig erscheint mir darüber hinaus ein breiter weiblicher öffentlicher Dialog über die Folgen selbstverständlich gewordener käuflicher weiblicher Sexualität in Form von Pornographie und Prostitution. Ein Blick nach Schweden, das 1998 die Prostitution verboten und die Freier mit Strafen belegt hat, könnte hilfreich sein.

Über die Autorin

Prof. Dr. Marianne Dierks
Professorin für Bildungsmanagement und Rektorin der Fliedner Fachhochschule Düsseldorf

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