#3 – Dr. Katharina Karcher – der Blick nach Großbritannien

Emily Davison - Suffragetten

In Groβbritannien, wo ich lebe, ist das Thema Frauenwahlrecht nicht nur wegen dem hundertsten Geburtstag des ‘The Representation of the People Act 1918’ sehr präsent. Dank dieser Reformen durften ab Februar 1918 alle Männer ab 21 (viele sind vorher vom Wahlrecht ausgeschlossen gewesen) und die ersten Frauen an Wahlen teilnehmen. Zunächst war das Wahlrecht auf 8.5 Millionen Frauen beschränkt, denn Wählerinnen mussten über 30 Jahre alt sein und Besitz nachweisen. Erst 1928 bekamen Frauen in Vereinigten Königreich die gleichen Wahlrechte wie Männer.

Anders als in Deutschland kamen in Groβbritannien im Kampf für das Frauenwahlrecht auch militante Methoden zum Einsatz. Nachdem Petitionen und andere konventionelle Formen nicht zum Ziel geführt hatten, griffen die Mitglieder der militanten Frauenorganisation ‘Women’s Social and Political Union’ (WSPU) zu drastischeren Mitteln: sie störten politische Sitzungen, warfen Fensterscheiben ein, riskierten ihr Leben in spektakulären Protestaktionen und Hungerstreiks, und verübten Brandanschläge auf den Privatbesitz von Politikern. Es ist vor allem diese militante Dimension des langen und vielfältigen Kampfes für das weibliche Wahlrecht, der Menschen in Groβbritannien bis heute fasziniert. Die Aktionen der WSPU stehen in vielen Schulen auf dem Stundenplan, und sind noch immer ein beliebtes Forschungsthema. Auch im Kontext des hundertsten Geburtstag des ‘Representation of the People Act’ ist das Interesse am militanten Protest der WSPU wieder groβ.

Bedingungsloser Einsatz der Suffragetten

Was mich an den Suffragetten (so wurden die militanten Kämpferinnen für das weibliche Wahlrecht im Vereinigten Königreich genannt) fasziniert ist ihr bedingungslose Einsatz für ein Recht, das viele von uns heute fast schon für selbstverständlich halten. Manche haben diesen Einsatz mit ihrem Leben bezahlt. Die Suffragette Emily Wilding Davison (1872-1913)  zum Beispiel wurde bei einem spektakulären Protest beim Epsom Derby 1913 vom Rennpferd des Königs überrannt und erlag wenig später ihren Verletzungen. Obwohl es in Deutschland keine vergleichbaren Proteste gab, bekamen Frauen dort bereits 1918 die selben Wahlrechte wie Männer.

Vieles hat sich in Deutschland und in Groβbritannien seit den Wahlrechtsreformen 1918 verändert. Wenn ich mit meiner Groβmutter über ihre Jugend spreche, empfinde ich groβe Dankbarkeit für die Möglichkeiten und Rechte, die ich heute habe. Ich bin unverheiratet und lebe mit meinem Partner und Freund*innen in einem Wohnprojekt – das wäre für meine Groβmutter aufgrund des ‘Kuppelei Paragraphen’ (§ 180 StGB) nicht möglich gewesen. Anders als sie durfte ich nicht nur meine Schulbildung beenden, sondern auch studieren und promovieren. Und ich hatte groβes Glück: dank eines unbefristeten Arbeitsvertrags habe ich das Recht, nach einer Elternzeit in meinen Beruf zurückzukehren. Und von diesem Recht mache ich Gebrauch: in zwei bis drei Wochen wird, wenn alles gut läuft, meine kleine Tochter mit der Hilfe einer Hebamme das Licht der Welt erblicken.

Von Chancengleichheit weit entfernt

Trotz aller Freude und Dankbarkeit, hat mir meine eigene Erfahrung gezeigt, dass wir von gleichen Chancen und Möglichkeiten für alle Menschen (ob nun weiblich, männlich, oder non-binär) weit entfernt sind. Wie die Genderpolitik der Trump Regierung in den USA zeigt, können hart erkämpfte Rechte erschreckend schnell zerstört werden, wenn es nicht genug Menschen gibt, die sich dagegen wehren. Deshalb hoffe ich, dass meine Tochter und andere junge Menschen sich von den Pionier*innen und Vorkämpfer*innen inspirieren lassen und weiter für und um ihre Rechte kämpfen, auch wenn sie dafür hoffentlich nicht unter die Hufe von Rennpferden geraten.

Foto: Das Bild zeigt die Suffragette Emily Wilding Davison (1872-1913)


Über die Autorin

Katharina Karcher lebt und forscht in Birmingham, der zweitgröβten Stadt Englands. Sie hat in Weimar, Utrecht und Warwick studiert, und unter anderem in Cambridge und Bristol gelehrt. Ihre Forschung befasst sich mit Protestbewegungen im 20. und 21. Jahrhundert. Im September 2018 ist eine deutsche Übersetzung ihrer Studie ‘Sisters in Arms. Militanter Feminismus in Westdeutschland seit 1968’ bei Assoziation A erschienen.

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