#29 – Barbara Holland-Cunz: 100 Jahre Frauenwahlrecht

Prof. Dr. Barbara Holland-Cunz

In einem Seminar, das ich im vergangenen Sommersemester 2018 an meiner Universität zum Thema „100 Jahre Frauenwahlrecht“ anbot, tauchte bei den sehr engagierten Studierenden gleich zu Beginn die Frage auf: „100 Jahre Frauenwahlrecht – ist das nun eigentlich lang oder kurz… 100 Jahre Frauenwahlrecht – erst oder schon?“ Von dieser Frage ausgehend haben wir einen Video-Film konzipiert, der im November (hoffentlich) fertig sein wird und diese spannende Frage durch Straßenumfragen, historische Texte von Vorkämpferinnen und aktuelle Überlegungen diskutiert.

Ich habe mich über das große studentische Engagement sehr gefreut und die Frage, wie dieses Jubiläum, das frauenpolitisch interessierte Frauen und Männer zur Zeit feiern, eigentlich zu deuten und vielleicht auch zu empfinden ist, hat uns und mich beschäftigt.

Dafür, dass Frauenrechte lokal, national und international in 100 Jahren weit vorangekommen sind, spricht einiges. Frauen und Mädchen sind heute in vielen Ländern der Erde so gebildet wie nie zuvor und beteiligen sich kaum weniger an Wahlen und politischen Aktivitäten als männliche BürgerInnen. Auf der Ebene der Vereinten Nationen stehen menschenrechtliche Instrumente wie die Frauenrechtskonvention CEDAW (Convention on the Elimination of All Forms of Discrimination against Women) zur Verfügung, um Frauen und Mädchen vor Unterdrückung, Missachtung und Gewalt zu schützen.

Über Fortschritte und Kehrseiten

Aber bei all diesen Fortschritten wird sogleich eine Kehrseite erkennbar. Die gute Ausbildung beschert noch immer weder gleichen Lohn noch gleiche Karrierechancen; der Frauenanteil in den Parlamenten der Welt liegt fast überall weit unter 50 %, wie die Inter-Parliamentary Union (www.ipu.org) regelmäßig feststellen muss; die globale Anti-Gewalt-Politik kann Gewalt nur sehr begrenzt verhindern oder strafrechtlich verfolgen. Und schließlich tragen alle Frauen bis heute die Hauptlast der Haus-, Familien- und Sorgearbeit.

100 Jahre – eine quälend lange Zeit

Demokratien sollten, so schreibt die feministische Theoretikerin Anne Phillips 1991 in ihrem wunderbaren Buch „Engendering Democracy“ (Cambrigde UK: Polity), in den Entscheidungsgremien (in etwa) die Zusammensetzung der Bevölkerung widerspiegeln, um wirklich demokratisch zu sein – davon sind wir weltweit noch sehr weit entfernt. Aus diesem Blickwinkel betrachtet erscheinen 100 Jahre als eine quälend lange Zeit, in der die Frauenrechte nur schlecht vorangekommen sind.

Demokratische Freude und geschlechterpolitischer Frust

Je nach dem wie eine/r die Gewichtung vornimmt, haben wir 2018 also Anlass zu feministischem Stolz und demokratischer Freude oder aber zu demokratie- und geschlechterpolitischem „Frust“. Ich selbst empfinde nicht an jedem Tag gleich: Manchmal sehe und erlebe ich in erster Linie Fortschritte, an anderen Tagen überwiegen dagegen Ungeduld angesichts der immer gleichen Hürden und Einwände gegen die geschwisterliche Gleichheit oder gar Wut und Zorn darüber, dass so gar nichts vorangehen will. Das hat sich in meinen 40 Jahren feministischer Politik und Wissenschaft nicht verändert. Während ich jedoch früher dachte, dass das Älterwerden geduldiger und sanfter machen wird, stelle ich erstaunt fest, dass ich eher ungeduldiger werde…


Über die Autorin

Barbara Holland-Cunz, Professorin für Politikwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Arbeitsschwerpunkte: Politische Theorie & Ideengeschichte, Politik & Geschlecht, Wissenschafts- & Naturtheorien. Feministin in Bewegungs- und Institutionen-Kontexten seit Ende der 1970er.

Zahlreiche Veröffentlichungen, unter anderem:

Die alte neue Frauenfrage (2003)

Die Regierung des Wissens (2005)

Gefährdete Freiheit. Über Hannah Arendt und Simone de Beauvoir (2012)

Die Natur der Neuzeit (2014).

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