#24 – Katrin Wienold-Hocke: Frauen müssen wählen

Katrin Wienold-Hocke

„Dein Parteifreund ist am Apparat“. Mit einem breiten Grinsen reichte meine Mutter den Hörer weiter. Wenn der FDP-Vorsitzende anrief, wurde mein Vater lauter, und wir hörten jedes Wort seines Gesprächspartners. „Der hat noch nicht verstanden, wie das Telefon funktioniert“ war der spöttische Kommentar.

Wählen war selbstverständlich, für meine Eltern, die Beide den Ernst der Politik im Krieg kennengelernt hatten. Mein Vater trug schwer an den Folgen. Heute würde ich sagen, er war traumatisiert, als Flakhelfer mit 16, von Krieg und Gefangenschaft. Meine Mutter trug die Familie, mehr und mehr. Viele Entscheidungen fällte meine Mutter. Ihre Aufgaben habe ich dann auch als kraftvoll und erfolgreich erlebt. Gärtnern, Kochen, Beziehungen pflegen… berufstätig wollte sie auch sein, weil es nicht nur Energie braucht, sondern Freu(n)de schenkt.

Singen und Beten helfen – realistisch zu sehen, was ich nicht ändern kann, und zuzupacken, wo ich gefragt bin. Das habe ich ebenso mit meiner Mutter gelernt wie die bewährte Notfalltherapie in Krisen. Frau wähle einen Küchentisch, ihre Freundinnen, Kichern, Tränen, Sherry oder Tee – die Wirkstoffe sind Frauensolidarität und Lebenslust.

Frauen wählen – Pfarramt

Als ich mich für Theologie eingeschrieben hatte, träumte ich noch davon, dass im Hörsaal die Männer die Köpfe drehen würden, weil eine Studentin eintrat. Das war eine große Illusion! Wir sind Viele, stellte sich schon bei der Begrüßung heraus, und wir Frauen lernten zusammen ( durchaus auch mit den bewährten Zutaten s.o.). Im Gespräch vor und nach der Arbeitsgruppe konstruierten wir miteinander unsere Welt, den Blick auf Glauben, Leben, Theologie – auch in Abgrenzung, oder weniger vornehm gesagt: als Lästerschwestern. Im Psychologiestudium diskutierten wir über den konstruktiven Charakter von Wahrnehmung und machten kräftig weiter.

Im Vikariat war klar, dass Solidarität und Lebenslust eine Gruppe aus Männern und Frauen, Brüdern und Schwestern, zusammenhalten. Wir standen unter dem Druck, dass nicht Alle von uns in den Pfarrdienst übernommen werden könnten. Wir wollten nicht für die Kirchenleitung auswählen, wer geeignet wäre und ob jemand nicht dazu gehören sollte.

„ Wir wissen noch nicht genau, wer von uns eine halbe Stelle übernimmt“. Als ich das beim Abwasch zu meiner Schwiegermutter sagte, fiel sie aus allen Wolken. Das könne nicht sein .“ Unser Sohn muss mit ganzer Stelle arbeiten. Seine Ausbildung war doch so lang und teuer“. Tatsächlich habe ich dann eine halbe Stelle gesucht. In der Familienzeit mit kleinen Kindern haben wir dann Arbeit geteilt, wie sie kam. Ich habe es ehr geschätzt, nicht Vollzeit arbeiten zu müssen, weil es mir eine innere Freiheit gab. Familien, Frauen und Männer, brauchen diese Freiheit. Dass wir Dienstbeschreibungen einführen, soll dieser Freiheit dienen!

Haben Frauen eine Wahl?

In Bad Sooden-Allendorf war ich Klinikpfarrerin und bald engagiert für ein Mutter-Kind-Kurheim. Frauen in schwierigen Lebensumständen kamen dorthin. In der Seelsorge erfuhr ich von ihren Katastrophen und Kämpfen – nicht genug Geld, keine Unterstützung von der Familie, im Gegenteil- häufig traumatisiert und überfordert von der Verantwortung für ihre Kinder. Sie brauchen Solidarität, die Kuren waren Spielball der Politik. Langsam, zu langsam verbessert die Politik ihre Situation! Dafür müssen wir weiterkämpfen. Es war ein wichtiger Faktor für den Erfolg ihrer Kur, dass Sie sich im Speisesaal und auf dem Spielplatz solidarisierten: Frauen können sich gegenseitig weiterhelfen!

Frauen haben gewählt

Im Kurhessischen Diakonissenhaus bin ich Frauen begegnet, die sich selbstbewusst entschieden haben, einer Berufung zu folgen und in einem Beruf zu arbeiten. Die Schwestern hatten als junge Frauen häufig nur über das Diakonissenhaus Zugang zu einer guten Berufsausbildung zu haben und zur Berufstätigkeit – sie wurden Erzieherinnen und Krankenschwestern, aber auch Heimleitung, Lehrerinnen an der Pflegeschule, geschäftsführend in großen Einrichtungen.

Dass sie Nachfolgerinnen haben, die zugleich Familie und Beruf haben können, war ihnen oft recht. Möglich wurde es durch politische, soziale und wirtschaftliche Veränderungen im Deutschland der Nachkriegszeit. Frauen können in sozialen Berufen arbeiten und eine Familie haben. Ob das immer eine Verbesserung ist? Die Doppelbelastung entstand… die Aufgabe für Frauen ist nicht leichter geworden: wie verbinden wir Leben, Arbeiten und Glauben. Kommen wir zu einer „Dienstgemeinschaft“? Wie unterstützen oder behindern wir Frauen uns gegenseitig?

Werden Frauen gewählt?

Der Gleichstellungsatlas in den Landeskirchen zeigt, dass Frauen auch in der Kirche längst in gleicher Zahl in Leitungspositionen angekommen sind. Sie stellen sich nicht gleich häufig zur Wahl, sie werden häufig aber einfach nicht gewählt, ist die Beobachtung. Dass in Kurhessen-Waldeck viele Frauen in Leitungspositionen sind, hat auch damit zu tun, dass es für die Besetzung von Leitungsämtern eine besondere Form aus Berufung und Wahl gibt. In der Politik verändert sich Manches, langsam…

Lasst uns Frauen berufen und wählen, Schwestern!

Frauen müssen wählen

Unsere Kirche wird weiblicher, unter den Jungen, Studierenden, Vikarinnen und Vikaren sind die Frauen in der Mehrzahl, wie in allen sozialen Berufen- so sehr, dass es Warn- und Unkenrufe gibt, dass die Kirche verweibliche. Ist das eine Reaktion oder ein Beitrag zum Bedeutungsverlust von Kirche?

Es ist eine Herausforderung, ist meine Überzeugung.
Lassen wir uns nicht auf Frauenthemen festlegen!
Nutzen wir den gesellschaftlichen Einfluss von Kirche und Frauen,
für ein Zusammenleben in globaler Solidarität,
mit der Weisheit von Köchinnen und Gärtnerinnen,
mit einer nachhaltigen Lebenslust,
für uns und unsere Kindeskinder.


Über die Autorin

Katrin Wienold-Hocke ist Jahrgang 1961, in Wolfhagen aufgewachsen, seit 25 Jahren verheiratet, im Pfarrhaus lebend sowie Mutter von zwei erwachsenen Kindern. Ihr Studium absolvierte sie in Tübingen, Jerusalem und Marburg.

Weitere Stationen:

  • Gemeindepfarrerin in Eschenstruth und Kassel
  • Klinikpfarrerin in Bad Sooden-Allendorf
  • Studienleiterin Hofgeismar
  • Oberin am Kurhessischen Diakonissenhaus
  • Seit 2011 Pröpstin Im Sprengel Kassel

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