#22 – Beatrix Ahr: 100 Jahre Frauenwahlrecht

Beatrix Ahr

…vor einigen Monaten: ich besuchte eine Veranstaltung im Archiv der deutschen Frauenbewegung. Noch war Zeit, sich etwas umzusehen. Auf den Tischen lagen eingeschweißte, 100 Jahre alte Flyer – damals wohl Flugblätter genannt – mit Wahlaufrufen für die erste Wahl, an der Frauen teilnehmen durften. Mehrmals las ich: „Frauen! Wahlrecht ist Wahlpflicht!“ Dieser Satz brannte sich mir ein: Was für eine Errungenschaft, wählen zu dürfen! Was für ein Geschenk, in einer Demokratie zu leben! Welche Selbstverständlichkeit für mich – schon immer! –, dass Frauen wählen dürfen, dass ich als Frau wählen darf. Dass das nicht zur Disposition steht, nur weil ich eine Frau bin…

Dass es auch eine Pflicht ist, wählen zu gehen? Durch meine Wahlbeteiligung die Demokratie zu stärken? Mir kamen sinkende Wahlbeteiligungen und Studien über Ursachen in den Sinn – bei manchen Wahlen nimmt die Mehrheit (Kommunal- und Europawahlen) bzw. mindestens ein Viertel (Landtags- und Bundestagswahlen) nicht teil – gleich verteilt zwischen den Geschlechtern. Traurig/erbärmlich, dies den Müttern des Frauenwahlrechts einzugestehen! Genauso, wie ihnen gegenüber zuzugeben, dass viel zu wenige Frauen vom passiven Wahlrecht Gebrauch machen (oder auf die Listenplätze kommen) und zunehmend weniger Frauen in den Parlamenten, vor allem auch im Bundestag sitzen (waren es in der letzten Legislaturperiode noch 36,5%, sind es seit 2017 nur 30,7% Frauen)!

Der Blick in die Vergangenheit

Ich denke an die Frauen, die – nicht zuletzt auch für mich – vor knapp 200 Jahren begannen, sich für aktives und passives Frauenwahlrecht einzusetzen, zu kämpfen – und die nie erlebten, dass ihr Kampf Erfolg hatte. Was motivierte sie dennoch? Was ließ sie nicht aufgeben, resignieren, lahm und lau werden? War es der Glaube, für eine gerechte Sache einzutreten? War es die die Überzeugung, dass Frauen und Männer gleich – gleichwertig – gleichberechtigt sind? Dass es kein oben und unten zwischen den Geschlechtern geben darf, kein Machtgefälle, kein Machtmissbrauch? Dass dem anderen Geschlecht das zuzugestehen ist an Rechten (und Pflichten), was man für das Eigene in Anspruch nimmt? Was war es, das diesen Frauen Mut machte und langen Atem gab?

Der Kampf der Mütter des Wahlrechts ist noch nicht zu Ende gekämpft

Es braucht auch heute Einsatz, Frauen zur aktiven und passiven Wahl zu motivieren – und vor allem für Gleichberechtigung zu streiten. Diese ist auch heute nicht durchgesetzt. Eigentlich unvorstellbar… Und doch – nach wie vor gibt es Nachteile für Frauen: im Durchschnitt rund 20 % weniger Verdienst als Männer für gleiche Tätigkeit; wenige Frauen in Führungspositionen von Wirtschaft und Politik. In Hessen soll deshalb bei der Volksabstimmung am 28. Oktober 2018 dem Artikel 1, nach dem alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind, ein zweiter Absatz hinzugefügt werden: „Frauen und Männer sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“ Unfassbar finde ich, dass die Neue Rechte dies nicht nur nicht unterstützt, sondern im Gegenteil (wieder) von einer „natürliche Geschlechterordnung“ überzeugt ist. Dringend muss (weiter) über Rollenbilder diskutiert und gerungen werden.

Alle sind gleich

Ich fühle mich dabei durch den biblischen Schöpfungsbericht gestärkt, nach dem wir Menschen als Abbild Gottes geschaffen sind: als Mann und Frau. In und bei Gott gibt es, wie später Paulus weiterführt, keine Unterschiede, kein Von-oben-herab; denn alle sind gleich: „Grieche und Jude, Sklave und Freier, Mann und Frau“ (nach Gal 3, 28). Durch die Geschichte hindurch ist gerade auch meine Kirche dem Anspruch, was die selbstverständliche Gleichberechtigung von Frauen anbelangt, hinterhergehinkt. Und allzu wenig hat sich in den Jahren meiner Berufstätigkeit verändert. Und doch bleibt der Auftrag, dafür weiter zu kämpfen – und die Verheißung, dass es gelingen kann!

Dankbar bin ich für alle starken Frauen-Vorbilder – vor allem auch für die Streiterinnen für das Frauenwahlrecht! Ihr Mut und langer Atem nimmt heute mich in die Pflicht.


Über die Autorin

Beatrix Ahr ist Diplomtheologin kath. Theologie und Pastoralreferentin; mit 50% ihrer Stelle begleitet sie als Mentorin und spirituelle Begleiterin Lehramtsstudierende der kath. Theologie an der Universität Kassel; 25% ihrer Arbeitszeit bringt sie ein in die Stellenteilung mit ihrem Ehemann als Pastoralreferentin im Dekanat Kassel-Hofgeismar. Sie ist 54 Jahre alt, verheiratet und hat vier Söhne und eine Tochter.

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