#21 – Amira El Ahl: Wahlrecht – Meilenstein für Frauen

Amira El Ahl

Was würde wohl eine Frau wie die Französin Olympe de Gouges davon halten, dass heutzutage viele Frauen gelangweilt mit den Schultern zucken, wenn man sie fragt, ob sie wählen gehen? Olympe de Gouges war es nicht egal, ob sie ein Kreuz machen darf oder nicht. Sie lehnte eine Regierung ab, die Frauenrechte nicht anerkannte und denen der Männer gleichsetzte. Sie stritt für ihr Recht, mitbestimmen zu können, und sie bezahlte ihr Engagement für Gleichberechtigung mit dem Leben. 1793 wurde sie in geköpft, weil sie einforderte, gleichgestellt mit einem Mann zu sein und wählen zu dürfen.

Auch in Deutschland gingen Frauen auf die Straße, um für das Wahlrecht zu kämpfen und es dauerte bis 1918, bis sie es den Männern gleichtun durften. Doch erst im Grundgesetz wurde am 23. Mai 1949 – dank des Einsatzes der Kasseler Juristin Elisabeth Selbert, eine der vier „Mütter des Grundgesetzes“, der Satz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ im Artikel 3, Abs. 2 unseres Grundgesetzes als Verfassungsgrundsatz aufgenommen. Ein Meilenstein, für den Frauen in Deutschland lange gekämpft haben.

Erkämpftes kann wieder verloren gehen

Wählen ist ein demokratisches Grundrecht. Und doch machten bei der Bundestagswahl 2017 ganze 23,8 Prozent der Wahlberechtigten kein Kreuz in der Wahlkabine. Das waren zwar ein paar Prozent weniger als noch 2013. Trotzdem: Würden die Nichtwähler eine eigene Fraktion im Bundestag stellen, wären sie die zweitstärkste Kraft im Bundestag. Insgesamt durften mehr Frauen als Männer wählen, 31,9 Millionen gegenüber 29,8 Millionen. 76 Prozent von ihnen gingen zur Wahl. Das hört sich gut an, ist aber nicht gut genug. Denn jedes nicht gemachte Kreuz spielt Kräften in die Hände, denen die Demokratie auf dem Weg zu ihren Zielen eher ein Hindernis ist und die – sollten sie jemals eine Mehrheit erlangen – es schaffen könnten, auf demokratischen Weg die Demokratie abzuschaffen.

Jedem, der nicht wählen geht sollte klar sein: Erkämpftes muss beschützt werden, weil es auch wieder verloren gehen kann.

Richtig gleichberechtigt sind Frauen immer noch nicht

Wenn Kinder kommen, bleiben Frauen zu Hause und gehen, wenn sie in den Beruf zurückkehren, meist nur in Teilzeit. Männer, die für die Familie im Beruf kürzer treten sind die Ausnahme und werden auch so behandelt. Frauen, die trotz Kindern voll berufstätig sein wollen, werden als egoistische Karrierefrauen und Rabenmütter beschimpft. Frauen verdienen in Deutschland in vielen Berufen immer noch fast 25 Prozent weniger als Männer im gleichen Job. Eigentlich ein Skandal, der von vielen einfach hingenommen wird.

In vielen Ländern dieser Welt haben Frauen wie Männer nur auf dem Papier das Recht zu wählen. Gefälschte Wahlen und Repressionen gegen die Opposition sind in vielen Ländern dieser Welt die Realität. Uns sollte dieses Wissen immer Warnung und Ansporn zugleich sein, unser Grundrecht auf freie Wahl einzufordern und mit Leben zu füllen.

Foto: Heiko Meyer


Über die Autorin

Amira El Ahl ist als Tochter eines Ägypters und einer Deutschen in Kassel geboren. Die Journalistin und heutige Moderatorin hat als Auslandskorrespondentin Naher und Mittlere Osten für den SPIEGEL in der Redaktionsvertretung Kairo gearbeitet. In dieser Zeit hat sie vor allem über politische- sowie Gesellschaftsthemen und im Besonderen über die Rolle der Frau in der arabischen Welt berichtet. Frauenthemen sind bis heute ein Schwerpunkt ihrer Arbeit.

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