#2 – Simone Orlik: 100 Tage Frauen netzwerken – ein Resümee

Am 12. November 2018 jährt sich die Geburtsstunde des Frauenwahlrechts in Deutschland zum 100. Mal. Ein wichtiger Grund für die Evangelische Frauenarbeit im Referat Erwachsenenbildung der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, dieses wichtige Thema in ihren Fokus zu rücken. 100 Tage lang hat sie auf dieser Projektwebseite den Blick auf das bislang Erreichte, die Gegenwart und die Aufgaben der Zukunft gerichtet – und das zusammen mit fast 100 Frauen aus den Bereichen Politik, Wirtschaft, Medien und Kirche.

Frauen netzwerken – die Idee hinter dem Projekt

Schon 1918 ist die Geburt des Frauenwahlrechts eng verbunden mit dem individuellen Engagement verschiedener Frauen. Doch ebenso entscheidend für den Erfolg war die Verknüpfung der gemeinsamen Interessen in Netzwerken, die dazu beigetragen haben, diese Interessen zu bündeln und sichtbar nach außen zu tragen. Mit Erfolg, denn in der Gleichstellung von Frauen und Männern wurden große Meilensteine erzielt.
Doch wie tief durchdringt die Gleichstellung die verschiedenen Bereiche unserer Gesellschaft und wo bemerken wir noch gravierende Lücken? Fast 100 Frauen sind in den vergangenen drei Monaten dieser Frage auf die Spur gegangen. Sie diskutieren in ihren Beiträgen, was sie mit dem damaligen Erfolg verbinden, wie sie mit antifeministischen Frauen- und Familienbildern umgehen und wie wir alle Gleichberechtigung in Politik, Wirtschaft oder Kirche noch bewusster leben können.

Ein Grundgedanke – und so viele Perspektiven dahinter

Wie viele Beiträge kann man eigentlich zu einem solchen Thema schreiben? Und wie viele unterschiedliche Ansätze zur aktuellen Gleichstellungsdebatte kann es überhaupt geben? Die Frage stellte sich mir unweigerlich, als ich das erste Mal von dem spannenden Projekt hörte. Vier Monate später kenne ich die Antwort: 100 Beiträge von interessanten Frauen und einem Mann reichen nicht aus, um die tief greifende Thematik zu beleuchten. Lassen Sie uns gemeinsam den Blick auf einige Bereiche werfen und eine Bilanz aus 100 Tagen „Frauen netzwerken“ ziehen.

1. Netzwerken als Chance begreifen

Viele der Autorinnen sind sich sicher, dass Netzwerken zwischen Frauen von entscheidender Bedeutung ist, um gemeinsame Interessen zu vertreten. Das gilt für die vergangenen Epochen genauso wie heute – Frauen schließen sich zu einem Thema zusammen, das für sie von Bedeutung ist – egal in welchem Bereich oder zu welchem Thema. Dabei gab und gibt es auch heute einzelne Frauen, die Impulse für die Gründung eines Netzwerks setzen. Andere Frauen, die vielleicht zunächst nicht den Mut haben, folgen dann einer Gemeinschaft, die ihnen Halt und Zuversicht gibt: „Der Austausch hilft und löst genau diese Unsicherheiten, die man im Umgang mit Fremden hat. Und oftmals sind Frauen aus unserem Netzwerk heute auch in Gegenwart von Männern viel selbstbewusster – und das ist mir wichtig.“ (Tanja Lenke – #11).

Durch die neuen Medien haben Frauen deutlich mehr Möglichkeiten, sich digital zu verbinden – und sichtbarer zu werden. Das zeigt zum Beispiel die Kampagne des Weltgebetstags auf Instagram. Mit dem Hashtag #occupyheaven laden derzeit Weltgebetstag-Frauen dazu ein, auf Facebook oder Instagram Gebete zu posten. Verbunden sind die mit einem Foto, auf dem man zwei Menschen sieht, die draußen im Freien ihre Hände verbinden, um sie zum Gebet zu falten. Wieso das? Mit der Botschaft will man ein sichtbares Zeichen setzen, dass Beten in der Öffentlichkeit kein Tabu sein darf – als sichtbares Netzwerk (#60).

Wie sehr sich soziale Medien zum Netzwerken nutzen lassen, zeigen auch die Autorinnen des Instagram-Kanals Mädelsabende, der schonungslos Themen wie Menstruation, das erste Mal oder BH-Größen abbildet. Hier finden junge Mädchen einen digitalen Rückzugsort, an dem sich Gleichgesinnte finden (#82). Das ist Kaffeklatsch – nur eben digital.

Übrigens: Dass aber die Möglichkeiten der neuen Medien und das Verständnis digitaler Freundschaften und Netzwerke auch Fragen aufwirft, diskutiert Pfarrerin Annegret Zander sehr offen in ihrem Artikel, wenn sie ihre Entwicklung von Freundschaften mit denen ihrer Tochter vergleicht (#77).

2. Ungleiche Entlohnung – ein viel diskutiertes Thema im Blog

Viele der Autorinnen im Blog haben in den vergangenen 100 Tagen den Blick auf die ungleiche Entlohnung von Männern und Frauen in vergleichbaren Positionen gelegt. Fakt ist: Bis heute verdienen Frauen überall auf der Welt signifikant weniger als Männer.

Dabei ist Geld die wichtigste Stellschraube auf dem Weg zur Gleichstellung, die noch lange nicht erreicht ist. Obwohl 82 Prozent der 30- bis 50-jährigen Frauen über eine gute berufliche Qualifikation verfügen und Fachfrauen sind, sieht die Einkommenssituation eklatant aus. Im EU-Durchschnitt liegt die geschlechtsspezifische Lohnlücke noch immer bei 16,3 Prozent, in Deutschland sogar bei 22 Prozent. Das ist Platz 26 von 28 EU-Ländern, betont Susanne Selbert, Landesdirektorin des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen, in ihrem Beitrag (#98).

Für Henrike von Platen, Gründerin des FPI Fair Pay Innovation Lab (das Unternehmen bei der praktischen Umsetzung nachhaltiger Entgeltstrategien unterstützt) würde eine gerechte Bezahlung dazu einen Domino-Effekt auslösen: „Wenn wir Lohngerechtigkeit erreichen, werden wir neben vielem anderen auch Chancengleichheit für Männer und Frauen erlangen.“ Ihr Ziel: Lohngerechtigkeit für alle. (#42).

3. Frauen in der Politik – da geht noch mehr

Gerade jüngere Politikerinnen haben sich zum Thema Frauen in der Politik zu Wort gemeldet. Lisa Badum zum Beispiel ist seit Herbst 2017 Abgeordnete des Deutschen Bundestags und sagt: „Wir Frauen haben noch lange nicht die Hälfte des Kuchens!“ 100 Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts habe der Deutsche Bundestag immer noch weniger als ein Drittel weiblicher Mitglieder. So sei der Frauenanteil im neuen Bundestag mit 30,6 Prozent auf den Stand von vor 20 Jahren gesunken. „Dabei sind die Frauen eigentlich ein kraftvoller Motor in allen Bereich unserer Gesellschaft – eben auch der Politik, so Badum.“ Notwendig seien zum Beispiel gleichstellungspolitische Maßnahmen, die zur Erhöhung des Frauenanteils im politischen Bereich beitragen. (#45)

Für Annika Popp ist es nicht zuletzt eine Herzensangelegenheit, Frauen für die Politik zu begeistern, zum Beispiel in der Kommunalpolitik. Immerhin ist die studierte Deutsch- und Geschichtslehrerin seit 2014 jüngste Bürgermeisterin Bayerns und weiß, wovon sie spricht. Sie betont: „Auf der kommunalen Ebene dürfen Frauen nicht nur dann als Bürgermeisterkandidatin aufgestellt werden, wenn es keinen geeigneten Mann gibt. Sich zur Wahl stellende Frauen, zum Beispiel für den Gemeinde- oder Stadtrat, müssen zukünftig selbstverständlich das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger erhalten und nicht bei der Stimmauszählung nach hinten durchgereicht werden.“ (#55).

Die Saarländerin Nadine Schön ist für die CDU Mitglied des Bundestages und richtet in ihrem Beitrag den Fokus erneut auf die Digitalisierung. Dabei wünscht sie sich vor allem, dass Frauen die digitale Welt aktiv mitgestalten: „Ob man die Digitalisierung nun gut findet oder nicht – wir werden nicht an ihr vorbeikommen. Deshalb müssen wir uns fragen, wie wir aus dem digitalen Wandel das Beste – auch für uns Frauen – herausholen können. Als Digitalpolitikerin habe ich den Eindruck, dass die Digitalisierung in unserem Alltag angekommen ist, dass wir uns im Klaren darüber sind, dass sie unsere Arbeitsweise ändern wird – aber dass die frauenpolitische Dimension der Digitalisierung noch weit unterschätzt wird“. (#26)

4. Und die Kirche?

Am Ende steht die Frage, wie sich Frauen in der Kirchenwelt positionieren, wenn es um Gleichberechtigung geht.

Mit einem gewissen Augenzwinkern geht die Buchautorin Susanne Niemeyer der Frage nach, ob die Bibel männlich, weiblich oder geschlechtsneutral ist – und zeigt sich nicht zuletzt über die Tatsache irritiert, dass es nun tatsächlich separate Bibeln für Männer und Frauen gibt. Susanne Niemeyer: „Vielleicht denken Sie: Mir doch egal. Ich habe meine Bibel, und die hat Goldschnitt. Das ist geschlechtsneutral. Ich glaube aber, es ist nicht egal.“ (#23).

Die Pastoralreferentin Beatrix Ahr fühlt sich vor allem durch den biblischen Schöpfungsbericht gestärkt, nach dem Menschen als Abbild Gottes geschaffen wurden: als Mann und als Frau. „In und bei Gott gibt es, wie Paulus weiterführt, keine Unterschiede, kein Von-oben-herab; denn alle sind gleich: „Grieche und Jude, Sklave und Freier, Mann und Frau“ (nach Gal 3, 28). Durch die Geschichte hindurch sei aber auch ihre Kirche dem Anspruch, was die selbstverständliche Gleichberechtigung von Frauen anbelangt, hinterhergehinkt. Und allzu wenig habe sich in den Jahren ihrer Berufstätigkeit verändert. „Und doch bleibt der Auftrag, dafür weiterzukämpfen!“ (#22)

Es liegt jetzt an uns!

Vor 200 Jahren haben Frauen in Europa begonnen, für ein aktives und passives Frauenwahlrecht zu kämpfen – mit der dazugehörigen Gewissheit, niemals zu wissen, ob ihr Kampf Erfolg haben würde. Vor 100 Jahren wurde mit dem Frauenwahlrecht ein wichtiger Meilenstein gelegt für eine Gleichberechtigung, die wir heute für eine Selbstverständlichkeit halten. Nun liegt es an unserer heutigen Generation, diese Gleichberechtigung bis ins Letzte einzufordern. Wenn ich mir die vielen Beiträge der Autorinnen im Blog durchlese, bestärkt mich ein gutes Gefühl, dass wir auf dem richtigen Weg sind.


Über die Autorin

Simone Orlik hat katholische Theologie und Germanistik an der Universität in Bonn studiert. Nachdem sie viele Jahre als Redakteurin beim Kinderhilfswerk Kindernothilfe e.V. gearbeitet hat, schreibt sie heute als freie Autorin für Unternehmen, Verlage und Agenturen und bloggt auf ihrer Webseite www.tea-and-scones.de. Geboren am Niederrhein, lebt Simone Orlik heute mit ihrem Mann und zwei Söhnen in Nordhessen und ist für die FDP aktives Mitglied im Stadtparlament Melsungen. Eines ihrer Ziele: Mehr junge Frauen für Kommunalpolitik zu begeistern.

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