#14 – Ilona Friedrich: 100 Jahre Frauenwahlrecht – ein guter Anlass, auf gleichstellungspolitische Herausforderungen von heute zu schauen

Illona Friedrich

„Meine Herren und Damen! Es ist das erste Mal, dass in Deutschland die Frau als freie und gleiche im Parlament zum Volke sprechen kann […]. Was diese Regierung getan hat, das war eine Selbstverständlichkeit: Sie hat den Frauen gegeben, was ihnen bis dahin zu Unrecht vorenthalten worden ist.“ Mit diesen Worten eröffnete am 19. Februar 1919 die Sozialdemokratin Marie Juchaz als erste Frau ihre Rede in der Weimarer Nationalversammlung. Nicht vergessen werden darf, dass mutige Frauen das Frauenwahlrecht als Grundlage für Gleichberechtigung und politische Teilhabe – diese Selbstverständlichkeit – in einem langen Kampf erstritten haben.

Wir Frauen können seit nahezu 100 Jahren wählen und gewählt werden, aber gleichberechtigt vertreten waren wir in diesen Jahren in den Parlamenten nie. Als Marie Juchacz und 35 weitere Frauen in die Nationalversammlung einzogen, betrug ihr Anteil 8,5 %. Der im Laufe der Jahre langsam gestiegene Frauenanteil im Bundestag ist 2017 auf 30,9 % zurückgegangen und damit auf das Niveau von 1998 gesunken. Eindeutig ein Rückschritt in Sachen Gleichberechtigung!

Frauen in der Kommunalpolitik – Nah dran, da wo ich lebe. Chancen der Teilhabe, der Mitgestaltung und Entscheidung vor Ort

Besonders unterrepräsentiert sind Frauen in der Kommunalpolitik; bundesweit beträgt der Anteil nur 25 %. Als Gründe für ihr geringes Interesse nennen Frauen u.a. Vorbehalte gegenüber traditionellen Parteistrukturen, die männlich dominiert wahrgenommen werden sowie die schwierige Vereinbarkeit von Mandat, Beruf und Familie. Der Frauenanteil in der Stadtverordnetenversammlung meiner Heimatstadt Kassel liegt bei 34 %, im ehrenamtlichen Magistrat bei 46 % und der hauptamtliche Magistrat ist paritätisch besetzt. Ich möchte Frauen in unserer Stadt ermutigen, sich einzubringen und mitzuentscheiden. Stadtteilzentren, Radwege, Kindertagesstätten, soziale Infrastruktur, …. das Themenspektrum ist so breit wie das Leben selbst. Also nah dran, da wo ich lebe.

Mich selbst hat zur Kandidatur als Bürgermeisterin und Sozialdezernentin bewogen, dass ich die Sozialpolitik an maßgeblicher Stelle in der Stadt Kassel mitgestalten möchte. Kassel ist attraktiv, Kassel wächst und Kassel verändert sich. Und Kassel steht wie alle Kommunen immer wieder aufs Neue vor großen Herausforderungen wie beispielsweise der demografischen Entwicklung, Integration der Menschen mit Fluchthintergrund in Arbeit und Gesellschaft, Altersarmut oder Digitalisierung, die es zu bewältigen gilt.

Meine langjährige berufliche und ehrenamtliche Erfahrung sagt mir: Wir kommen in vielen Bereichen der Politik besser voran und sind erfolgreicher, wenn die einzelnen Akteure gut miteinander kooperieren und wenn sie tragfähige Netzwerke knüpfen. Wenn wir also die unterschiedlichen Politikbereiche gut verzahnen und sie aufeinander abstimmen. In der Sozialpolitik brauchen wir alle Kräfte der Stadtgesellschaft, davon bin ich überzeugt: das Stadtparlament ebenso wie die Verwaltung, aber auch Betriebe, Kirchen, Wohlfahrtsverbände, soziale Einrichtungen und Vereine und die einzelnen Bürgerinnen und Bürger.

Gleichstellungspolitische Herausforderungen heute

Neben der Unterrepräsentanz von Frauen in der Politik im Bund den Ländern und den Kommunen gibt es weitere aktuelle gleichstellungspolitische Herausforderungen. Wir haben u.a. die Themen „sexuelle Selbstbestimmung“, „Schutz vor Gewalt“ und es gibt die Debatte um den §219a Strafgesetzbuch, der Ärztinnen, die über den Schwangerschaftsabbruch informieren, kriminalisiert. Die Benachteiligungen von Frauen auf Arbeitsmarkt bestehen außerdem fort. So werden Frauen im Durchschnitt für vergleichbare Arbeit geringer vergütet als Männer und übernehmen ein Großteil der unbezahlten Haus-, Erziehungs- und Pflegearbeiten.

„Gleichberechtigung beginnt mit der eigenständigen Existenzsicherung!“

So lautete der Titel einer kleinen Broschüre, die ich 1992 mit anderen Frauen nach einer Bildungsreise, die uns nach Athen und auf die Insel Lesbos geführt hat, herausgegeben habe. Auf der Insel Lesbos hatten Frauen eine Kooperative gegründet und Beschäftigungsmöglichkeiten in einer strukturschwachen Region durch die Zimmervermietung im eigenen Haus und dem gemeinschaftlichen Betrieb eines Restaurants geschaffen. Von der Präsidentin der Kooperative Eleni Chioti stammt der Satz „Gleichberechtigung beginnt mit der eigenständigen Existenzsicherung!“

Wichtiges kommunalpolitisches Handlungsfeld in der Stadt Kassel ist die Integration von langzeitarbeitslosen Frauen und Männern in Arbeit. Mit dem neuen Projekt „Sozialwirtschaft integriert“ sollen 120 Frauen mit Migrationshintergrund in Berufen der Sozialwirtschaft ausgebildet werden. Sie können Altenpflegehelferin, Altenpflegerin, Erzieherin, Hauswirtschafterin, Krankenschwester oder Hebamme werden und erhalten Beratung, Orientierung, Sprachförderung und Coaching. Hiermit tun wir etwas gegen den Fachkräftemangel und ermöglichen den ausgebildeten Frauen eine eigenständige Existenzsicherung.

Zum Schluss

Gleiche Rechte und gleiche Chancen von Frauen und Männern sind immer noch nicht selbstverständlich. Sie sind eine Errungenschaft, die wir auch immer wieder verteidigen müssen.

Frauenrechte sind Menschenrechte. Bleiben wir wachsam und kämpfen wir weiter gemeinsam dafür – Frauen aller Generationen. Es gibt auch heute noch viel zu tun in Sachen Chancengleichheit und es erfordert immer wieder Mut zur Auseinandersetzung und es braucht Solidarität und ein gutes Miteinander unter den Frauen wie zwischen Frauen und Männern.


Über die Autorin

Am 1. November 2017 wurde mit Ilona Friedrich (SPD) erstmalig in der Stadt Kassel eine Frau zur Bürgermeisterin gewählt. Verantwortlich ist sie für die Bereiche Soziales und Bürgerangelegenheiten. Ihre beruflichen Stationen nach dem Studium (Sozialwesen und Wirtschaftspädagogik) waren im Werra-Meißner-Kreis: Frauenbeauftragte (Oktober 1989 bis August 1998); Leiterin des Jugendamtes (September 1998 bis Dezember 2008) und Fachbereichsleiterin für Jugend, Familie, Senioren und Soziales (Januar 2009 bis Oktober 2017).

Darüber hinaus seit nahezu 40 Jahren ehrenamtliches frauen- und sozialpolitisches Engagement (u.a. kirchliche Kinder- und Jugendarbeit; Gründung und Vorstandstätigkeit: Unternehmerinnenforum Nordhessen, Verein Frauen für Frauen im Werra-Meißner-Kreis, Bürgerstiftung Werra-Meißner, Frauentreff Brückenhof Kassel).

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