#12 – Sofia Meißner: Die emanzipierte Frau von heute – eine moderne Erscheinung

Sophia Meißner

Wenn ich an das Thema „Gleichberechtigung“ denke, denke ich an alles, was Frauen und Männer gleichberechtigt: gleiches Gehalt, gleicher Umgang, die gleichen Rechte. Und eben auch das Wahlrecht. Unvorstellbar, dass das je verboten war. Ich bin so aufgewachsen, dass alle Menschen über 18 wählen gehen dürfen. Auch in der Schule haben wir im Politik- und Wirtschaftsunterricht gelernt, was Wahlen ausmachen bzw. dass es ganz normal ist, wenn auch Frauen wählen.

Ich selbst werde ab nächstem Jahr rein theoretisch die Möglichkeit haben, jemanden zu wählen. Es ist schon erschreckend, dass es das Frauenwahlrecht erst seit 100 Jahren in Deutschland gibt. Unsere Vorfahrinnen haben sich dieses Recht hart erkämpfen müssen – warum gehen dennoch so wenige junge Menschen wählen?

Nicht wählen zu gehen, ist nicht akzeptabel

Auf der Internetseite der „Bundeszentrale für politische Bildung“(bpb) ist die Wahlbeteiligung bei den Wahlberechtigten unter 21 die Niedrigste. Dies kann ich auch in meinem Bekanntenkreis bestätigen: ca. 40% meiner (weiblichen wie männlichen) wahlberechtigten Bekannten interessieren sich zwar für Politik, gehen aber nicht wählen. Manche haben Angst, etwas falsches zu wählen, andere sind schlichtweg zu faul, um sich an einem Sonntag aufzurappeln und wählen zu gehen. Ich finde dieses Verhalten mehr als schwach. Wenn man nicht wählen geht, können unter anderem Parteien an die Macht kommen, die beispielsweise rechtspopulistisches Gedankengut aufweisen, welches im letzten Jahrhundert für viel Ärger gesorgt hat. Ich persönlich würde jetzt schon wählen gehen, wenn ich könnte.

Schon der harte Weg zum Wahlrecht und damit der Demokratie sollte schon Ansporn genug sein, um wählen zu gehen

Schon in den Zügen der Revolution 1848 in Europa gründeten Frauen politische Vereine und traten für ihre Interessen ein. Es wurden Frauenzeitungen wie die von Louise Otto mit dem Motto „dem Reich der Freiheit werb´ ich Bürgerinnen“ gegründet. Doch unter dem Wort „Volk“ wurden nur Männer über 25 verstanden und die Frauen nicht beachtet – weder politisch, noch gesellschaftlich. Schon 1965 bildete sich der „Allgemeine Deutsche Frauenverein“(ADF, nicht zu verwechseln mit einer modernen, rechtspopulistische Partei) durch ehemalige Revolutionärinnen mit Louise Otto an der Spitze, welcher sich auf die Bildungsmöglichkeiten für Mädchen und Frauen konzentrierte. Ein Jahr vor dem ADF hatte sich der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein unter Ferdinand Lassalle gegründet, der einen ausgeprägten Antifeminismus vertrat – bis hin zur Forderung, Frauenarbeit als Konkurrenz ganz zu verbieten. Von Arbeiterinnenvereinen hörte man keine Kritik, im Gegenteil: Sie unterstützten die Männer im Klassenkampf in der Hoffnung, die Befreiung ihrer Klasse würde auch sie befreien.

Der Drang nach Freiheit: so groß!

Wenn ich mich in eine Frau des frühen 20. Jahrhunderts hineinversetze, kann ich mir vorstellen, wieso der Drang nach mehr Freiheit so groß war. Frauen schnürten sich in Korsetts, um einen schlanken Körper vorweisen zu können und mussten sich vollkommen ihren Ehemännern, mit denen sie meist verheiratet wurden, unterordnen. Sie durften nicht einfach so arbeiten und auch der Sport wurde ihnen eingeschränkt. Emotionen und persönliche Problem wurden nicht nach außen getragen und konnten daher nur im stillen Kämmerlein herausgelassen werden. Ihnen wurde die untergeordnete Mutterrolle aufgezwungen. Daher brachten ihnen die Frauenrechtsbewegungen neue Möglichkeiten, wie die Chance auf eine bessere Bildung. In Hessen durfte man als Frau ab dem Jahre 1906 studieren – ein großer Schritt zu der Zeit. Bis 1908 war es den Frauen generell verboten, sich politisch zu engagieren.

Die Sozialistinnen veranstalteten dann 1911 zeitgleich in Deutschland, Dänemark, Österreich, der Schweiz, Bulgarien und den USA (dort eine Woche früher) zum ersten Mal den Internationalen Frauentag, auf dem explizit und lautstark das Frauenwahlrecht gefordert wurde. Am 12. November 1918 versprach der Rat in einem „Aufruf an das deutsche Volk“, baldige Wahlen zu einer verfassunggebenden Nationalversammlung abzuhalten, um Deutschland eine demokratisch legitimierte Regierung zu geben. Der Rat beschloss auch, Frauen das aktive und passive Wahlrecht zu gewähren. Wahlberechtigt waren alle deutschen Frauen ab 21 Jahren. Als am 19. Januar 1919 ein neuer Reichstag gewählt wurde, gaben 82 Prozent der wahlberechtigten Frauen ihre Stimme ab, und 37 weibliche Abgeordnete zogen ins Parlament ein. Diese Frauenquote von knapp neun Prozent wurde erst wieder im Deutschen Bundestag von 1983 erreicht.

20er Jahre: Emanzipation erreicht ihren Höhepunkt

In den 1920er Jahren kam es zu einem Höhepunkt der Emanzipation der damaligen Zeit. Frauen trugen kurze Frisuren, rauchten, gingen aus. Dies geschah zwar immer noch nicht in der selben Stellung wie ihre männlichen Zeitgenossen, war für diese Zeit dennoch ein Fortschritt. Im Jahre 1923 gab es die ersten Polizistinnen in Deutschland. Dies war vorher nur Männern vorbehalten. Ein paar Jahre später, im Jahre 1949, legte die Nordhessin Elisabeth Selbert den Grundstein für die gesetzliche Gleichstellung von Mann und Frau. Daraufhin lautete der Artikel 3 des Grundgesetzes: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“. Fünf sehr wichtige Worte. 1958 durfte man als Frau den Führerschein ohne Erlaubnis des Ehemanns ablegen. 1970 trug die SPD-Bundestagsabgeordnete Lenelotte von Bothmer aus Hannover einen Hosenanzug hinter dem Rednerpult des Hohen Hauses und erhielt daraufhin etliche Schmähbriefe. Kaum vorstellbar.

Die Wahl der Bundeskanzlerin – ein Meilenstein

1977 durften Frauen schon ohne Erlaubnis des Ehemanns arbeiten. Als erste große Volkspartei führte die SPD 1988 auf dem Bundesparteitag in Münster eine Frauenquote ein. Dies geschah auf großen Druck der weiblichen Sozialdemokratinnen und nach einer heftigen, dreistündigen Debatte. Die Quote sieht einen Anteil von 40 Prozent für alle Ämter und Mandate vor. Einen wichtigen Meilenstein finde ich die Wahl der Bundeskanzlerin 2005. Und trotzdem sind heutzutage in den meisten Fällen mehr Männer in politisches Geschehen involviert als Frauen(mit Ausnahme unserer Bundeskanzlerin). In anderen Lebensbereichen gibt es immer noch Situationen, in denen Frauen benachteiligt werden.

Literatur? Eine Männerdomaine

Eines der Beispiele ist mir erst im Deutschunterricht klar geworden: in der Literatur geht es fast immer um Männer. „Maria Stuart“ von Friedrich von Schiller ist eines der wenigen klassischen Literaturwerke, in dem zwei Frauen die Hauptrollen einnehmen und teilweise auch die Männer dominieren. Ein anderes, etwas moderneres, aber dennoch erschreckendes Beispiel aus der Filmtrilogie „der Herr der Ringe“ ist, dass es in dem Filmen von 2001-2003 keine einzige Szene gibt, in der zwei Frauen miteinander reden. Auch heutzutage kommen immer wieder Skandale wie der „#metoo“-Skandal ans Licht, bei denen Frauen in ihrer Rolle benachteiligt oder sogar misshandelt werden. Warum sollten wir nicht ein Zeichen setzen daran erinnern und wählen gehen.

Ich persönlich finde es super wichtig, dass auch an solche Geschichten erinnert wird und vor allem aufgeklärt wird. Die emanzipierte Frau von heute ist eine moderne Erscheinung. Jungen Mädchen und Frauen sollte dies immer nahe gebracht werden und eine Aufklärung erfolgen. Immer mehr Frauen aus Staaten, die eher konservativ im Bezug auf die Rolle der Frau sind, gewinnen an Mut und Selbstständigkeit. Frauen dürfen beispielsweise inzwischen in den Arabischen Emiraten Auto fahren und in die Politik gehen. Es studieren Frauen, die dies vor fünfzig Jahren nicht hätten machen dürfen. Der Universitätsabschluss als Waffe gegen die Unterdrückung der Frau. Das ist ein Zeichen, welches weitergetragen werden sollte. Warum also nicht wählen gehen? Manche trauen sich diese Wahl nicht zu, doch das ist schwachsinnig.

Jede Stimme zählt!

Andere halten dies für einen unnötigen Zeitvertreib. Es dauert doch nicht lang! Und man kann sogar per Briefwahl (also ohne sich groß wegzubewegen) abstimmen. Ich bin gespannt, wie sich das Thema „Wahlen“ entwickelt. Vor allem bei jungen Mädchen. Im Politik- und Wirtschaftsunterricht haben wir allerdings dieses Thema nicht spezifisch behandelt. Meiner Meinung nach sollte dies allerdings Inhalt des Unterrichts sein (nicht nur im Politikunterricht, sondern auch in z.B. Geschichte oder Religion/Ethik). So könnte ein ganz neues Selbstbewusstsein in den nächsten Generationen entstehen. Unsere Kinder und Enkel leben im Bestfall in einer perfekten Welt mit perfekten (Frauen-)rechten. Ebenfalls bin ich gespannt, wie sich die Rechte gegenüber der Frauen verändern. Werden Abtreibungen irgendwann legal sein und GynäkologInnen nicht der Werbung bezichtigt? Ich hoffe es.

Ich hoffe…

Ich hoffe außerdem, dass Frauen Männern eines Tages komplett gleichberechtigt sind und man vielleicht gar nicht mehr Worte wie „GynäkologInnen“ gendern muss und es ganz natürlich ist, dass die männliche Form einer Berufsgruppe nicht der Oberbegriff ist. Ich hoffe, dass irgendwann Mädchen und Frauen auf der ganzen Welt die gleichen Rechte haben und niemand irgendwelche Tätigkeiten ausführen muss, wenn man das nicht möchte. Ich hoffe, dass der Frauenanteil in Firmen- und anderen Führungspositionen und in der Politik irgendwann genauso groß ist wie der der Männer. Deswegen muss unsere Generation der „Milleniums“ dies in die Hand nehmen und versuchen unsere Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Ich hoffe.


Über die Autorin

Sofia Meißner ist 2001 in Kassel geboren und lebe zurzeit in Hofgeismar. Im Alter von 6 Jahren hat sie das erste Mal in einem Chor gesungen, mit 8 Jahren sogar im Chor des Staatstheaters in Kassel. Dort singt sie bis heute. In ihrer Freizeit tut sie genau das: singen. In Schulchor, Staatstheater und Big Band. Sofia Meißner geht in die 12. Klasse der Jacob-Grimm-Schule in Kassel, wo sie die Leistungskurse Biologie und Musik gewählt hat.

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