#94 – Dr. Kerstin Wolff: 100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland – eine Erfolgsgeschichte?

Frauenwahlrecht? Na klar!! War das mal anders? Ja! Erst seit 100 Jahren dürfen Frauen in Deutschland wählen und sich wählen lassen.

Erst im November 1918, mitten in den Wirren der Revolution, als mehr als deutlich geworden war, dass der Krieg nicht mehr gewonnen werden konnte, als der deutsche Kaiser schon in den Niederlanden im Exil war und das Amt des Reichskanzlers an den Sozialdemokraten Friedrich Ebert übertragen worden war, erklärte der Rat der Volksbeauftragten, dass „alle Wahlen zu öffentlichen Körperschaften (…) fortan nach dem gleichen, geheimen, direkten Wahlrecht auf Grund des proportionalen Wahlsystems für alle mindestens 20 Jahre alten männlichen und weiblichen Personen zu vollziehen (sind; K.W.)“.

Große Rechtsform kommt auf den Weg – aber mit welchem Resultat?

Mit diesen knappen Sätzen hatte dieses Männergremium eine große Wahlrechtsreform auf den Weg gebracht und – wie es scheint – „einfach so“ das Frauenwahlrecht eingeführt. Aber bis es soweit war, hatten schon seit Jahrzehnten Kämpfe um dieses Recht stattgefunden. Vor allem die Frauenbewegung in all ihren Flügeln und Ausformungen hatte mit vielfältigen Aktionen immer wieder darauf hingewiesen, dass das Wahlrecht auch für die Frau gelten müsste.

Nun haben wir es seit einhundert Jahren und was ist erreicht? Nach einem fulminanten Start 1919, als in das höchste Gremium, in die verfassungsgebende Nationalversammlung immerhin aus dem Stand 9,7 Prozent Frauen einzogen, ist der Anteil von Parlamentarierinnen bis in die 1980er Jahre in der BRD kontinuierlich gesunken. Erst seit der damals neuen Partei „Die Grünen“ und deren Debatten um eine verpflichtende Quote, die auch in anderen Parteien Früchte trug, stieg der Anteil von Frauen im Bundestag langsam an.

Wieder weniger Frauen im höchsten politischen Gremium

Trotzdem sind sowohl auf Bundes-, als auch auf Landes- bzw. kommunaler Ebene die weiblichen Abgeordneten noch immer in der Minderheit. Im Bundestag sind derzeit nur noch 30,7 Prozent der Abgeordneten Frauen. Statt mehr Frauen, sitzen nun also – 100 Jahre nach der Einführung des Frauenwahlrechts – weniger Frauen im höchsten politischen Gremium.

Gleichberechtigung noch nicht zu Ende diskutiert

Von einer paritätischen Vertretung in den Parlamenten und der Gleichstellung von Männern und Frauen in allen gesellschaftlichen Bereichen sind wir also immer noch weit entfernt. Dies zeigt, dass das aktive und das passive Wahlrecht ein ganz zentraler Schritt auf dem Weg hin zu einer paritätischen Politikvertretung ist, alleine aber nicht ausreicht. Die Quote, ein lange kontrovers diskutiertes Instrument, hat – was die zahlenmäßige Vertretung angeht – in den letzten Jahren bzw. Jahrzehnten positiv gewirkt. Doch weitere Instrumente und weiteres Engagement für Gleichberechtigung müssen folgen; der Deutsche Juristinnen Bund fordert z.B. ein Paritégesetz wie es in Frankreich eingeführt wurde.

Nicht nachlassen bei Aktivitäten rund um Gleichberechtigung

Es gibt also nach wie vor viel zu tun. Deshalb an dieser Stelle von mir der Appell: Lassen wir mit unseren Aktivitäten für eine gerechtere politische Vertretung und für eine angemessene Berücksichtigung weiblicher Themen in Politik und Gesellschaft nicht nach – wir sind es zukünftigen Frauengenerationen, aber auch den Frauen, die sich Jahrzehntelang für das Frauenstimmrecht eingesetzt haben, schuldig.


Über die Autorin

Dr. Kerstin Wolff ist Historikerin und Teammitglied im AddF, Archiv der deutschen Frauenbewegung. Die Stiftung sammelt, forscht und publiziert zur Geschichte von Frauen und Frauenbewegungen in der Zeit von 1800 bis in die 1960er Jahre. Die Verbreitung des Wissens über die Frauenbewegung und ihre Protagonistinnen in der Öffentlichkeit durch Vorträge, Lesungen, Konzerte und Ausstellungen ist der Stiftung ein besonderes Anliegen. Weitere Informationen finden Sie auf der Webseite der Stiftung. 

 

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