#10 – Anne-Kerrin Gomer-Simpfendörfer: Gleiche Rechte – gleiche Verwirklichungschancen

Anne-Kerrin Gomer-Simpfendörfer

Die Geschichte der Frauenrechte in Deutschland wird – gerade anlässlich von Jubiläen wie „100 Jahre Frauenwahlrecht“ – als Geschichte des Fortschritts erzählt. Und das ist sie ja auch: Wer wollte bestreiten, dass die Zeiten für Frauen in Deutschland heute freier, selbstbestimmter, optionenreicher sind?

Andererseits habe ich als Soziologin gelernt, Fortschrittserzählungen nicht ohne weiteres zu glauben. Vor dem Gesetz sind Frauen und Männer in Deutschland heute gleich. Nicht gleich sind ihre Lebensumstände: Nach wie vor schultern Frauen hierzulande einen Großteil der bezahlten und unbezahlten Sorgearbeit (Care-Arbeit), nach wie vor sind ein Großteil der obersten Führungspositionen in Unternehmen und Organisationen aller Branchen von Männern besetzt. Die Caritas bildet hier keine Ausnahme: 82 Prozent der Menschen, die dort arbeiten, sind Frauen. 77 Prozent der Menschen in den Vorständen und Geschäftsführungen von Caritasverbänden und-unternehmen sind Männer. Hier wird einer dieser Kontra-Effekte des Fortschritts deutlich: Die Soziale Arbeit entwickelte sich in Deutschland wie international maßgeblich als Betätigungsfeld von Frauen, starke Gründerinnen prägen die Historie aller Verbände der Freien Wohlfahrtspflege, kurz: Das Gesicht der Wohlfahrt war weiblich. Wer heute in Branchenzeitschriften blättert, sieht ein anderes Bild.

„Wahlrecht“ von Frauen reicht nicht aus

Das Gutachten der Sachverständigenkommission zum zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung aus dem Jahr 2017 bringt vor diesem Hintergrund auf den Punkt, warum sich die Gleichstellung der Geschlechter nicht allein an der Frage nach gleichen Rechten bemisst. Dort heißt es: „Wir streben eine Gesellschaft mit gleichen Verwirklichungschancen von Frauen und Männern an, in der die Chancen und Risiken im Lebensverlauf gleich verteilt sind.“ Der Begriff der Verwirklichungschancen verweist darauf, dass ein „Wahlrecht“ von Frauen in Bezug auf politische Mitbestimmung, aber auch in Bezug auf ihre Lebensgestaltung nicht ausreichend ist. Nur wenn das formale Recht auch eine biografisch sinnvolle Option ist, ist echte Gleichberechtigung erreicht. Oft genug scheitert die Abwägung dann an der Frage nach der Care-Arbeit. Daran, dass Verantwortung in Politik und Wirtschaft und Verantwortung in der Sorge für Kinder, für pflegebedürftige Angehörige oder für das Gemeinwohl nach wie vor als getrennte Sphären gedacht werden, leiden nicht nur Frauen, sondern auch Männer.

Möglichkeiten zum Netzwerken schaffen

100 Jahre, nachdem Frauen und Männer gemeinsam für ein allgemeines Wahlrecht gekämpft haben, brauchen wir deshalb eine neue Bewegung für einen anderen Umgang mit Erwerbs- und Sorgearbeit, für ein flexibleres Karriereverständnis, für neue Geschlechterrollen. Hier sind neben der Politik vor allem auch die Arbeitgeber in der Pflicht, die Rahmenbedingungen ausgestalten. Der Deutsche Caritasverband hat dazu in den vergangenen drei Jahren in seinem Projekt „Geschlecht. Gerecht gewinnt“ gearbeitet. Potenzial für echten Fortschritt gibt es aber vor allem auch dann, wenn sich die vernetzen, die von anderen Verhältnissen träumen – ermutigt von Hedwig Dohm, einer der Vorkämpferinnen des Frauenwahlrechts. Ihr wird das Zitat zugeschrieben: „Glaube nicht, es muss so sein, weil es nie anders war. Unmöglichkeiten sind Ausflüchte für sterile Gehirne. Schaffe Möglichkeiten!“


Über die Autorin

Anne-Kerrin Gomer-Simpfendörfer hat Soziologie und Psychologie in Freiburg und Bordeaux studiert. Sie ist Mitglied der AG Gender der Graduiertenschule der Universität Freiburg, die sich unter anderem mit Produktion und Transfer von Genderwissen auseinandersetzt. Seit 2014 leitet sie beim Deutschen Caritasverband die Projekte „Gleichgestellt in Führung gehen“ und „Geschlecht. Gerecht gewinnt“ zur Förderung einer geschlechtergerechten Organisationskultur in der Caritas. Daneben ist sie Lehrbeauftragte für Qualitative Methoden und Gender Studies an der Universität Freiburg und weiteren Hochschulen in Südbaden. Sie ist ehrenamtlich in der Evangelischen Kirche in Baden engagiert, unter anderem in der Gemeindeentwicklung, der Jugendarbeit und der Arbeit mit Geflüchteten.

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