#1 – Dr. Gregor Gysi: Es bleibt noch viel zu tun

Dr. Gregor Gysi / Linke

Das nach langem Ringen erkämpfte Frauenwahlrecht ist als politisches Recht Teil der Herstellung von Geschlechtergerechtigkeit. Interessant ist, dass vielen vor der Einführung ein solches Recht mehr als fragwürdig erschien und sich heute niemand in Deutschland ein Wahlrecht ohne Frauen vorstellen kann. Gleichstellungspolitik hat aber viele Facetten. Ein Teil davon ist bis heute unerledigt geblieben. So fallen schon das aktive Wahlrecht und das passive Gewähltwerden auseinander. Obwohl 51 % der Bevölkerung weiblich sind, besetzen Frauen nur 1/3 der Sitze in den Parlamenten.

Es gibt viele Frauen, die mich beeindrucken. Zum Beispiel Clara Zetkin. Sie war nicht nur, gemeinsam mit zu wenigen anderen SPD-Mitgliedern, entschiedene Gegnerin des 1. Weltkrieges. Ihr verdankt man auch maßgeblich, dass es mit dem 8. März heute überhaupt einen Internationalen Frauentag gibt. Vor allem aber sah sie den obigen Mechanismus voraus: Selbst wo Männer und Frauen rechtlich gleichgestellt sind, üben sie diese Rechte unterschiedlich stark aus. Mit dem Frauenwahlrecht war es also nicht getan. Es bedurfte und bedarf bis heute wirksamer gesellschaftlicher Veränderungen.

Gleichstellung ist noch nicht erreicht

Noch immer leisten Frauen in etwa doppelt so viel unbezahlte Sorge- und Familienarbeit wie Männer. Ein Umdenken hat eingesetzt, aber die Gleichstellung ist noch nicht erreicht. Es sollte zum Beispiel in der Kultur jedes modernen Unternehmens selbstverständlich werden, dass Männer in gleichem Maße in Elternzeit gehen können wie Frauen.

Auch die vollständige Gleichstellung der Frauen im Erwerbsleben liegt noch in weiter Ferne. Bei gleicher Qualifikation verdienen Frauen für die gleiche Arbeit im Durchschnitt ein knappes Viertel weniger als Männer. Damit zählt Deutschland zu den Schlusslichtern in der EU. Und im Niedriglohnsektor sind 65 Prozent der Beschäftigten weiblich. Bis heute gibt es die so genannten „Frauenberufe“, die vor allem dadurch gekennzeichnet sind, dass in ihnen wenig verdient wird, so dass wir Männer sie nicht ergreifen. Diese Lohndifferenzen führen im Alter zu noch größeren Unterschieden bei der Rente.

Gegen diese Missstände fordert DIE LINKE unter anderem ein wirksames Entgeltgleichheitsgesetz. Es sollte auch ein Verbandsklagerecht enthalten, damit nicht jede Frau einzeln als Klägerin auftreten muss. Auch Führungspositionen müssen endlich stärker von Frauen bekleidet werden. Hierzu bedarf es gezielter Frauenförderungsprogramme. Die Mehrheit der LINKEN möchte auch die Frauenquote ausbauen und so dafür sorgen, dass auch in den gesellschaftlichen Führungsebenen mehr weibliche Beteiligung entsteht. Selbstverständlich geht DIE LINKE bereits heute mit einer Quotierung in ihren eigenen Gremien voran. DIE LINKE veranstaltet Frauenkonferenzen und verleiht einen Clara-Zetkin-Preis für Projekte, die die Lebensbedingungen von Frauen verbessern und die die Gleichstellung von Frauen und Männern in der Gesellschaft befördern.

Digitalisierung birgt Chancen, aber auch Gefahren

Ein Augenmerk müssen wir auch auf die Digitalisierung legen. Die Digitalisierung der Kommunikation bringt nicht nur Vor-, sondern auch Nachteile mit sich. Durch sie bilden sich zum Beispiel überholte Denkmuster schneller ab. In der Anonymität des Internets wird nicht nur Fremdenfeindlichkeit, sondern auch Frauenfeindlichkeit wieder leichter.

Neben den großen Namen wie Clara Zetkin dürfen wir vor allem die alltäglichen Leistungen vieler Frauen nicht vergessen. Ich war früher alleinerziehender Vater. Daher kann ich die Leistungen alleinerziehender Elternteile – meist sind es Mütter – gut nachvollziehen. Deren Kinder haben übrigens mangels gesellschaftlicher Unterstützung bis heute ein deutlich höheres Armutsrisiko. Trotz nunmehr 100 Jahren Frauenwahlrecht bleibt für eine Gleichstellung also noch viel zu tun.

Foto: Deutscher Bundestag

 

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